Stress: Für mehr als die Hälfte gehört übermäßiger Druck zum Arbeitsalltag

Am Rande der Erschöpfung

  • 09.08.2017
  • igm
  • Aktuelles

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, sie lassen sich nicht einfach beiseite wischen: Stress, Leistungsdruck und Arbeitsverdichtung gehören für viele zum Arbeitsalltag. Und eine neue Studie zeigt: Mit dem Einsatz von digitalen Geräten steigt die Belastung für viele zusätzlich an.

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Ein Projekt, für das noch schnell ein Zwischenbericht abgeliefert werden muss, eine Präsentation, die dringend bis morgen zu überarbeiten ist, der Kunde, der plötzlich doch noch Sonderwünsche hat: Nein, an Gründen dafür, dass man mit seiner Arbeitszeit nicht auskommt, dass man sich gehetzt und unter Druck fühlt, mangelt es wahrlich nicht. Und, nochmals nein, es sind keine Ausnahmen, die zu Druck und Hetze am Arbeitsplatz führen - es ist, das zeigen viele Studien, gerade das Gegenteil: Für mehr als die Hälfte der Beschäftigten gehört übermäßiger Druck zum Arbeitsalltag. 52 Prozent der Arbeitnehmer stehen bei der Arbeit sehr häufig oder oft unter Zeitdruck oder fühlen sich gehetzt. Das ist ein Ergebnis einer großen, repräsentativen Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) über arbeitsbedingte Belastung und Beanspruchung.

Der Hauptgrund für Zeit- und Leistungsdruck liegt den Befragten zufolge im Wesentlichen in der Organisation der Arbeit. 65 Prozent derjenigen, die sich oft oder sehr häufig gehetzt fühlen, führen das darauf zurück, dass sie zu viele Aufgaben, zu viele Projekte parallel abarbeiten müssen. Ein ähnlich großer Teil der Befragten mit hohem Zeitdruck, nämlich 63 Prozent, sagt, bei ihnen werde die Arbeit von zu wenig Personal erledigt. Doch auch ausreichend viel Personal schützt nicht zwingend vor Belastungen und Stress - vor allem oftmals dann nicht, wenn digitale Technik ins Spiel kommt.

Psychische Fehlbelastungen machen krank

In einer aktuellen bundesweiten Studie des "DGB Index Gute Arbeit" gaben 46 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Arbeitsbelastung mit dem Einsatz digitaler Technik erhöht habe. Von denjenigen, die "in sehr hohen Maße mit digitalen Mitteln arbeiten" fühlen sich 60 Prozent gehetzt oder unter Zeitdruck. Bei Beschäftigten, die noch gar nicht digital arbeiten, beträgt dieser Wert nur 51 Prozent. Bei der Frage des Arbeitsflusses ist der Unterschied noch deutlicher: Wo die Digitaltechnik Einzug gehalten hat, ist der Anteil der Beschäftigten, die sich etwa durch E-Mails gestört fühlen, knapp doppelt so hoch wie bei nicht digitaler Arbeit (69 zu 36 Prozent). Und auch die Arbeitsintensität ist mit dem Einzug digitaler Technik in den Arbeitsalltag gestiegen. 43 Prozent der Befragten bejahten die Frage, ob sie den Eindruck hätten, in den vergangenen 12 Monaten mehr abarbeiten zu müssen als früher. Bei Beschäftigten, die "analog" arbeiten, beträgt der Anteil 33 Prozent.

Stress ist aber nicht nur eine Sache, die auf die Arbeitsstunden beschränkt bleibt. Stress hat Auswirkungen auch auf die Zeit jenseits der Arbeit: Wer durch seine Arbeit gehetzt ist, kann sich auch am Feierabend nicht ausreichend erholen: 56 Prozent derjenigen, die in der Belastungs-Umfrage angeben, dass sie unter Zeitdruck stehen, sagen auch, dass sie sehr häufig oder oft auch in arbeitsfreien Zeit nicht richtig abschalten zu können. Erholung aber ist wichtig: Wer sich nicht erholt, geht am nächsten Tag ausgelaugt zur Arbeit und fühlt sich nur noch schneller gehetzt. Auf diese Weise entsteht rasch ein Teufelskreis - und der kann schnell zu ernsten gesundheitlichen Problemen führen.

Mehrere wissenschaftliche Studien haben mittlerweile klar belegt, was Experten schon lange angenommen haben: Psychische Fehlbelastungen können krank machen. Und zwar an Körper und Seele. Mit anderen Worten: Monotone Arbeit, hohe Arbeitsintensität, lange Arbeitszeiten oder schlechtes soziales Klima gefährden die psychische und die physische Gesundheit. Umfassende betriebliche Prävention ist deshalb das Gebot der Stunde - und gute Arbeitsschutzvorschriften.
 
Anti-Stress-Verordnung könnte entlasten

Auf diesem Gebiet jedoch sieht die IG Metall dringenden Handlungsbedarf. So sei gerade für die digitale Arbeit das "goldene Regelungsdreieck aus Achtstundentag, der 40-Stunden-Woche und elf Stunden Mindestruhezeit" notwendig, um die Beschäftigten vor Überforderung und Stress zu schützen, sagt Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Zugleich erinnert Urban daran, dass die derzeitigen Arbeitsschutzvorschriften bislang keinerlei hinreichende Regelungen zu Verhinderung von psychischen Belastungen vorsehen.

Die IG Metall setzt sich deshalb für eine "Anti-Stress-Verordnung" ein. Mit ihr soll vor allem hoher Leistungsdruck und stetig steigende Arbeitsverdichtung minimiert werden. Eine Anti-Stress-Verordnung ist dabei nicht nur aus Sicht der Gewerkschaften und des Bundesrats wichtig. Auch der 71. Deutsche Juristentag hat beschlossen, dass eine Rechtsverordnung zum Thema psychische Belastungen bei der Arbeit erlassen werden sollte.

 

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