Organisation/Bezirkskonferenz

Mehr Selbstbestimmung über Zeitguthaben – 23. Bezirkskonferenz der IG Metall

  • 22.06.2017
  • md/jme
  • Aktuelles, Tarif

Die IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen will Entgelt und mehr selbstbestimmte Arbeitszeit in den Fokus der kommenden Tarifrunde stellen. Am Donnerstag erörterten rund 100 Delegierte und Gäste auf der 23. Bezirkskonferenz in Frankfurt (Oder), wo die Metallgewerkschaft mit dem größten Anteil ostdeutscher Mitglieder heute steht und wohin sie gehen will.

Bezirkskonferenz 2017: Spannende Tarifrunde voraus! Foto: Christian von Polentz, transitfoto.de

Bezirkskonferenz 2017: Zuhören… Foto: Christian von Polentz, transitfoto.de

… und diskutieren. Foto: Christian von Polentz, transitfoto.de

Olivier Höbel: Unter schwierigen Bedingungen viel erreicht Foto: Christian von Polentz, transitfoto.de

Foto: Christian von Polentz, transitfoto.de

„Politik für alle – sicher, gerecht und selbstbestimmt“ lautete das Motto, und schnell kam die Rede auf die Arbeitszeit. In der Beschäftigtenbefragung der IG Metall hatte es vor allem zu diesem Thema eindeutige Aussagen gegeben, die die IG Metall in Berlin, Brandenburg und Sachsen als Arbeitsauftrag versteht.

 

So rücken kürzere Arbeitszeiten und humane Schichtsysteme in den Fokus der Tarifpolitik:  Neben der Entgeltrunde steht 2018 auch die Debatte um neue Arbeitszeitmodelle an – mit Spannung erwartet und  seit langem diskutiert.

 

Höbel: Deutliches Votum der Beschäftigten zur Arbeitszeit ist Arbeitsauftrag für uns

50 350 Beschäftigte aus 524 Betrieben haben sich an der jüngsten Beschäftigtenbefragung allein im Bezirk beteiligt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Menschen wollten sichere Jobs, kürzer arbeiten und mehr über ihre Zeit selbst bestimmen.

Olivier Höbel, Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen, unterstrich: „Sehr viele Metallerinnen und Metaller wünschen sich insgesamt kürzere Arbeitszeiten. Sie sind dort zufriedener, wo unter tariflichen Bedingungen gearbeitet und eine Kultur der Mitbestimmung gepflegt wird." In der Befragung wurde deutlich: Schichtarbeit ist in der ostdeutschen Metallindustrie weiter verbreitet als im Westen, und dabei fallen die drei Stunden, um die die Wochenarbeitszeit im Osten länger ist, schwer ins Gewicht. "Schichtarbeit ist für die meisten Kolleginnen und Kollegen ein hartes Regime. Wenn sie dann – was oft der Fall ist – auch an Wochenenden geleistet werden muss, finden das viele unzumutbar. Die Beschäftigten akzeptieren flexible Arbeitszeiten, aber sie wollen mitbestimmen, wie und wann sie ihre großen Zeitguthaben einlösen“, sagte Höbel. Die Befragungsergebnisse würden die Richtung der kommenden Tarifrunde bestimmen: Die Beschäftigten sind bereit, Leistung zu bringen, erwarten aber entsprechende Gegenleistungen bei der Arbeitszeit und beim Entgelt.

 

Gute Ergebnisse unter schwierigen Bedingungen
Man habe im vergangenen Jahr trotz schwieriger Bedingungen eine Menge erreicht, sagte Olivier Höbel. Die Mitgliederzahl sei mit 151 554 stabil geblieben. Es sei zudem gelungen, fast drei Dutzend Betriebe neu in die Tarifbindung zu holen, hunderte Tarifverhandlungen für einzelne Firmen oder Firmengruppen seien geführt worden. Höbel wies auf die Besonderheit der ostdeutschen Betriebslandschaft mit ihrem überdurchschnittlich hohen Anteil an Schichtarbeit hin. 

Vorstandsmitglied Kutzner: "Ihr seid ein Aktions- und Kampfbezirk!"
„Ihr seid nicht nur der Innovationsbezirk, ihr seid auch ein Aktions- und Kampfbezirk“, sagte Vorstandsmitglied Ralf Kutzner in seinem Referat. Mit Blick auf die jüngsten Warnstreiks bei Bosch, die noch laufende Tarifrunde im Kfz-Handwerk oder die Auseinandersetzungen um die Erhaltung von Standorten und Arbeitsplätzen beim Waggonbauer Bombardier sagte Kutzner weiter: „Manchmal wünschen wir uns vielleicht ein bisschen weniger Kampf, aber das kann man sich nicht immer aussuchen.“ Im Bezirk entwickele sich zusehends eine durchsetzungsstarke Struktur, „und das ist gut und richtig so“, so Kutzner.

 

Mit Blick auf die Bundestagswahl sagte Kutzner: „Wer im Herbst gewählt werden will, wird an den Ergebnissen unserer Befragung nicht vorbeikommen.“ Man werde auch jetzt im Wahlkampf wieder den Spruch hören können: „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Doch für ihn sei der Spruch „asozial und degradiert dich Menschen zur billigen Ware“. Wer die Arbeitszeitgesetze schleifen wolle, habe die Gesamtheit der  Beschäftigten in Deutschland gegen sich, so Kutzner.

 

In der Diskussion sagte Manuela Grimm, Betriebsratsvorsitzende von Diebold Nixdorf in Taucha bei Leipzig: „Es geht mir zunehmend auf die Nerven, dass Betriebsräte immer wieder dafür sorgen müssen, dass die in diesem Lande geltenden Arbeitnehmerschutzgesetze eingehalten werden.“ Und wo es keine Betriebsräte gebe, seien die Beschäftigten den fortwährenden Angriffen der Unternehmerseite schutzlos ausgeliefert. „Es ist doch nicht verwunderlich, dass junge Leute das Vertrauen in die Demokratie verlieren und sich rechtem Gedankengut zuwenden, wenn sie im Betrieb immer wieder die Erfahrung machen, dass die Gesetze nicht eingehalten werden.“ Die anwesenden Vertreter der Arbeitgeberseite forderte Grimm auf, ihr Verhalten endlich zu ändern und mit den Betriebsräten zusammenzuarbeiten. Großer Applaus bei Delegierten, Hauptamtlichen und Gästen.


Anschließend an die Bezirkskonferenz trafen sich die Tarifkommissionen aller Tarifgebiete in Berlin, Brandenburg und Sachsen. Ihr Thema:  Die Vorbereitung der Tarifrunde 2018, die nach den Sommerferien beginnt, und die Positionen, die sie auf der Arbeitszeitkonferenz der IG Metall in Mannheim am 27. Juni einbringen wollen.



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