Statement

Carmen Bahlo

Betriebsratsvorsitzende ZF Getriebe Brandenburg

"Wir brauchen gesundheitsverträgliche Schichtsysteme. Zu viele Nachtschichten belasten die Menschen sehr."

"Im gewerblichen Bereich haben wir verschiedene Schichtsysteme. Eigentlich sind es klassische Zwei- und Drei-Schicht-Systeme. Für einen längeren Zeitraum werden wir jetzt aber in einigen Bereichen mit 5 Teams fahren müssen. Das heißt 21 Schichten - also Voll-Conti. Dieses 5-Team-Modell ist gut, weil die Kollegen sechs Tage arbeiten und vier Tage frei haben. Das bedeutet eine Wochenarbeitszeit von 33 Stunden. Die Stundendifferenz zur tariflichen Arbeitszeit wird bezahlt. Der Vorteil: viel Freizeit. Der Nachteil: Man muss auch am Wochenende arbeiten.

Ein gutes Schichtsystem? Erstens wenn die Kollegen noch Freiräume und vielleicht kurze Nachtschicht-Blöcke haben. Außerdem bezahlte Erholungspausen, einen geregelten Schichtrhythmus und planbare Schichten. Gerade die Nachtschicht ist sehr gesundheitsbelastend, das stellen wir immer wieder bei unseren älteren Kollegen fest. Das vorwärtsrollierende System mit zwei Frühschicht-Blöcken, zwei Spätschicht-Blöcken und zwei Nachtschicht-Blöcken ist für den Körper besser zu verkraften.
Außerdem stellen wir fest, dass Schichtarbeit immer mehr zunimmt. Das ist ein Anlagen-Nutzungs-Thema. Wenn man weniger Schichtarbeit wollte, müsste man noch wesentlich mehr investieren, um die Anlagen vielleicht nur einschichtig oder zweischichtig fahren zu können. Das sehe ich im Moment als ziemlich unrealistisch an.

Wenn wir nicht mehr in so vielen Schichten arbeiten würden und wir mehr Anlagen hätten, würden natürlich mehr Arbeitsplätze entstehen. Das ist immer wieder ein Kostenthema. Die Arbeitgeberseite möchte natürlich so viele Schichten wie möglich belegen, also am liebsten Rund-um-die Uhr im Voll-Conti-System.

Aber auch Kollegen in Normalschicht, die in Projekten arbeiten, sind in heißen Phasen richtig stark belastet. Nach einem Projekt müsste man Zeit haben, um einmal richtig durchzuatmen. Meistens ist es aber so, dass dann schon gleich das nächste Projekt beginnt. Es gibt jedoch auch Phasen, in denen keine Projekte in Sicht sind. Dann machen sich die Kollegen Sorgen um die Zukunft. Es wäre schön, wenn es dann die Möglichkeit geben würde, längere Freizeitblöcke in Anspruch zu nehmen.
Wir haben geregelte flexible Arbeitszeiten. Manchmal kommt die Kritik, dass unsere Arbeitszeitregelung zu starr ist. Gerade wenn Kollegen mit anderen Standorten von ZF zusammenarbeiten müssen, ist das ein Problem. Beispielsweise sind an dem Entwicklungs-Standort von ZF in Kressbronn die Arbeitszeiten deutlich flexibler gestaltet. Wenn dann die Arbeitszeiten nicht zueinander passen, wird es schwierig.
Doch wenn man alles aufmacht - und jeder kann arbeiten, wie er will - liegen darin auch viele Gefahren. Es sollte eine gewisse Flexibilität möglich sein, aber es muss auch Begrenzung geben. Wir brauchen Tarifverträge, die einen Rahmen setzen. Rund um die Uhr zu arbeiten à la Google - so dass man gar nicht mehr unterscheiden kann, was ist Arbeit, was ist Privatleben: Das ist für die Beschäftigten auf Dauer nicht gut.

Wir haben eine Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit in Verhandlung, weil die Arbeitgeberseite unsere bestehende Vereinbarung gekündigt hat. Die Arbeitgeberseite hat bei der Gleitzeit viel restriktivere Forderungen gestellt als wir. Wir haben uns eine kleinere Kernzeit vorgestellt. Die Arbeitgeberseite wollte einen ziemlich großen starren Rahmen. Aus meiner Sicht sprechen daraus ein hohes Misstrauen und Restriktion. Daraus spricht eine Kultur: Der Arbeitgeber will bestimmen, dass die Kollegen möglichst lange anwesend sind, ihre persönlichen Termine zurückstellen und ihre Zeitkonten gar nicht mehr ohne seine Zustimmung in Anspruch nehmen können. Wenn ich eine relativ große Kernzeit habe, kann ich ja meine Zeitguthaben gar nicht mehr abbummeln.

Die Außertariflichen (ATler) stempeln bei uns nicht. Sie berichten uns aber, dass sie es nicht so schön finden. Die sogenannte "Vertrauensarbeitszeit" führt dazu, dass gerade diese Führungskräfte lange im Haus sind. Abends bis um 20 Uhr ist schon normal und morgens sind sie auch schon zeitig da. Sie haben ja auch Familie und leben ihren Mitarbeitern keine Work-Live-Balance vor. Sie erlauben sich nicht, das offen zu adressieren. Unter Vier-Augen hören wir davon, aber eigentlich gilt die Regel: "Wer am längsten arbeitet, ist die beste Führungskraft."

Eine 35-Stunden-Woche wäre perfekt und zwar für alle Bereiche bei uns. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen haben lange Anfahrtswege. Da bleibt wenig Zeit für Familie und sich selbst. Bei der Schichtarbeit haben wir starre Zeiten, die Kollegen müssen auf die Minute da sein. Da fragen wir nicht nach Kita-Öffnungszeiten, Pflege von Angehörigen oder Zeiten für die persönliche Bildung. Und es ist vor allem auch ein Gesundheitsthema."

ZF Getriebe Brandenburg GmbH, rund 1.500 Beschäftigte produzieren PKW Handschalt- und Doppelkupplungsgetrieben