70. Todestag von Alwin Brandes

Alwin Brandes – eine neue Biographie erinnert an den vorbildlichen Gewerkschafter

  • 06.11.2019
  • kk
  • Aktuelles

Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer: Alwin Brandes war langjähriger Vorsitzender des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), der Vorläuferorganisation der IG Metall. In vier politischen Systemen hat der Gewerkschafter und überzeugte Sozialdemokrat für eine Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft gekämpft. Am 6.November 1949 – vor 70 Jahren – ist Alwin Brandes im Alter von 83 Jahren gestorben.

Das Bild zeigt Alwin Brandes im Jahr seines Todes. Er starb am 6. November 1949. Foto aus: Paul Ufermann (Hrsg.): Alwin Brandes. Leben und Wirken eines deutschen Gewerkschaftsführers, Berlin 1949.

Alwin Brandes, am 12. Juni 1866 am sächsischen Großschönau geboren, war im Ersten Weltkrieg (1914–1918) Kritiker der Burgfriedenspolitik der Sozialdemokraten und während der Novemberrevolution 1918 einflussreicher Akteur in Magdeburg. Von 1919 bis 1933 war Brandes einer der Vorsitzenden des DMV (zeitweilig gab es drei gleichberechtigte Vorsitzende). Er war zudem Repräsentant seiner Gewerkschaft im Internationalen Metallarbeiterbund (IMB), und zwischen 1912 und 1933 – mit kurzen Unterbrechungen einflussreicher Sozial- und Wirtschaftspolitiker im Reichstag.

Außerdem war Alwin Brandes Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Die größte demokratische Massenorganisation hatte sich den Schutz der Republik auf die Fahnen geschrieben. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 und der am 2. Mai 1933 erfolgten Zerschlagung der Gewerkschaften gehörte Brandes zu den Initiatoren eines reichsweiten Widerstandsnetzwerkes, in dem sich zahlreiche Metallgewerkschafter gegen das NS-Regime engagierten. An den Umsturzvorbereitungen des 20. Juli 1944 war der Gewerkschafter als Teil eines breiteren illegalen Netzwerks beteiligt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gehörte er zu den Kritikern der Entwicklung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in der Sowjetischen Besatzungszone. Am frühen Nachmittag des 6. November 1949 verstarb Alwin Brandes in seiner Wohnung in der Rohrwaldallee in Berlin-Karolinenhof, am 11. November 1949 wurde er auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde-West bestattet.

Neue Biographie – Lebensweg auf 566 Seiten
Eine 566 Seiten starke Biographie, die im Oktober erschienen ist, beleuchtet das spannende Leben des engagierten Gewerkschafters in den vier Systemen –  Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Aufbau des Sozialismus in der DDR –, in denen Brandes gelebt hat. Die Autoren Siegfried Mielke und Stefan Heinz zeichnen in der Biographie sehr detailliert den Lebensweg eines bedeutenden Gewerkschafters nach. „Sein Leben spiegelt auf eindrucksvolle Weise die Umbrüche einer Generation der Arbeiterbewegung“, heißt es in der Kurzbeschreibung der Neuerscheinung.

Gemeinsam füreinander
So unterschiedlich diese Systeme auch waren, Alwin Brandes verfolgte beharrlich stets ein Ziel: „Er hatte sich die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Metallarbeiter zur Lebensaufgabe gemacht“, schreibt Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, in seinem Vorwort zur Biographie. „Der Lebensweg von Alwin Brandes und sein Handeln lehren uns vor allem eines: Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte müssen immer erkämpft und verteidigt werden. Am ehesten gelingt das, wenn die Arbeiterklasse sich nicht spaltet, sondern gemeinsam füreinander einsteht“, erklärt Jörg Hofmann.

Zu Unrecht vergessener Gewerkschafter
Als langjähriger DMV-Vorsitzender gehörte Alwin Brandes zu den einflussreichsten Gewerkschaftern der Weimarer Republik“, sagt Autor Dr. Stefan Heinz, Politikwissenschaftler und Historiker. „Brandes starb nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und geriet bald in Vergessenheit.“ Zu Unrecht, wie Heinz betont. „Sein spannender Lebensweg ist eng verflochten mit bedeutenden Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts. So weit es möglich war, engagierte Alwin Brandes sich in den vier verschiedenen Systemen, in denen er lebte, für eine Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. In dem Maße, wie heutzutage der zeitliche Abstand zum letzten Jahrhundert zunimmt und sich sowohl Arbeiterschaft als auch gewerkschaftliche Politik verändern, ermöglichen Diskussionen über Gewerkschaftsgeschichte und deren wichtige Akteure im 20. Jahrhundert eine Diskussion über gesellschaftliche Verhältnisse in Vergangenheit und Zukunft. Den Mitgliedern der IG Metall hat Alwin Brandes dahingehend eine Menge mit auf den Weg gegeben.“

Errungenschaften von heute wurzeln in den Kämpfen von damals
Das betont auch Olivier Höbel, IG Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen: „Unter schwierigsten Bedingungen, unter Bedrohung von Leib und Leben hat Alwin Brandes niemals aufgehört, um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für die arbeitenden Menschen zu kämpfen. Viele wichtige, heute selbstverständliche Errungenschaften wie die Mitbestimmung, die Tarifautonomie, aber auch das Sozialstaatsprinzip wurzeln in den Kämpfen der damaligen Zeit. Die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung des Kapitals ist heute aktueller denn je.“

In Erinnerung an die Verdienste des langjährigen DMV-Vorsitzenden hat die IG Metall den Großen Saal im fünften Stock des IG Metall-Hauses in Berlin-Kreuzberg Mitte Juni 2013 in „Alwin-Brandes-Saal“ umbenannt. Im Gewerkschaftshaus an der Alten Jakobstraße hatte der DMV-Hauptvorstand zu früheren Zeiten seinen Hauptsitz.

Neuerscheinung
„Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer“ – die 566-seitige Publikation von Siegfried Mielke und Stefan Heinz ist als Band 9 in der wissenschaftlichen Buchreihe „Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration“ im Oktober 2019 im Metropol-Verlag erschienen. Die Veröffentlichung ist das Ergebnis eines von der Hans-Böckler-Stiftung und der IG Metall finanzierten Forschungsprojekts.