Workshop Transformation in der Automobilindustrie

Automobil-Studie: Zuversicht der Beschäftigten nimmt zu

  • 10.09.2019
  • kk
  • Aktuelles

Die Zuversicht in den Wechsel zur E-Mobilität hat unter den Beschäftigten der Automobilindustrie in Berlin, Brandenburg und Sachsen in jüngster Zeit zugenommen. Neue Produktzusagen und Investitionen in die Branche haben die Zukunftsängste der Kolleginnen und Kollegen gemildert. Gleichzeitig begegnen die Beschäftigten der Transformation insgesamt, die die Digitalisierung mit sich bringt, aber nach wie vor skeptisch, wie eine neue Studie zeigt.

V.l.n.r.: Christoph Hahn (IG Metall-Bezirkssekretär), Prof. Klaus Dörre (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Olivier Höbel (IG Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen), Dr. Antje Blöcker (Branchenexpertin Automobil) - Fotos: IG Metall

In einem Workshop präsentierte Dr. Antje Blöcker, Branchenexpertin Automobil, am Dienstag, 10. September, im IG Metall-Haus in Berlin die Ergebnisse einer Studie, die die „Konversionschancen für Betriebe und Belegschaften im Transformationsprozess der Automobilindustrie in Berlin, Brandenburg und Sachsen“ unter die Lupe genommen hat.

In Berlin-Brandenburg und vor allem in Sachsen ist die Automobil- und Mobilitätsindustrie eine Wachstumsbranche. In beiden Regionen hat sie eine hohe beschäftigungspolitische Relevanz. Gleichzeitig ändern sich Automobil und dessen Nutzung gerade in atemberaubender Geschwindigkeit. Elektromobilität, verbesserte Antriebstechnologien, autonomes und vernetztes Fahren sowie neue Mobilitätsdienste sind auf dem Vormarsch.

Die neue Studie – gefördert von der Otto Brenner Stiftung und der Stiftung Neue Länder – hat die Beschäftigungsperspektiven in den betroffenen Betrieben und deren Standort-Regionen in den Blick genommen. Im Zeitraum von Oktober 2018 bis Mai 2019 wurden 72 Experten aus 23 Betrieben (mit insgesamt 33.643 Beschäftigten) und 12 weiteren Institutionen zu Transformationsherausforderungen befragt: Wie bewerten sie die Zukunfts-Risiken und wie ist die Stimmung in den Belegschaften? Und: Betrachten sie die laufende Transformation als Chance für die Autoindustrie in Berlin, Brandenburg und Sachsen?

Ergebnis: Die Stimmung unter den Beschäftigten und die Einschätzung ihrer beruflichen Perspektive hat sich während des Untersuchungszeitraums deutlich verbessert. Während zu Beginn trotz wirtschaftlich relativ guter Lage noch eine eher pessimistische Stimmung herrschte, hat zum Ende des Untersuchungszeitraums die Zuversicht in den Wechsel zur E-Mobilität zugenommen.  Damit unterscheiden sich die Beschäftigten in ihrer Einschätzung vom Bundesdurchschnitt, der die kurz- bis mittelfristige Beschäftigungslage deutlich negativer bewertet. Einen Grund für die unterschiedliche Beurteilung sehen die Studienautoren in den Investitionen, die zum Beispiel VW am Standort Zwickau/Mosel oder Porsche am Standort Leipzig tätigen, um die Werke auf die Erfordernisse der E-Mobilität umzustellen. In Westsachsen herrschte am Ende ihrer Untersuchung Aufbruchsstimmung, „was den Hochlauf der E-Mobilität betrifft“, haben die Studienautoren unter Leitung von Dr. Antje Blöcker festgestellt. „Aus dem Zweckoptimismus ,Das muss gutgehen, Plan B gibt es nicht!‘ entwickelte sich ein ,Das wird gutgehen!‘“

Blick auf die Transformation insgesamt ist nach wie vor skeptisch
Gezeigt hat sich im Verlauf der Studie allerdings auch: Zwar bewerten die Menschen die Auswirkungen der E-Mobilität inzwischen positiver, der Transformation, die die Digitalisierung mit sich bringt, stehen sie insgesamt aber nach wie vor skeptisch gegenüber. Sie fürchten, „von Maschinen überrollt zu werden – in der Arbeitswelt, aber auch in ihrer Lebenswelt“. Transformation bleibt für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie bislang ein eher abstrakter Begriff, der oft nicht mit einem positiven Blick in die Zukunft, sondern mit Rationalisierung, Arbeitsverdichtung und vor allem mit erneuter Benachteiligung gegenüber Westbetrieben verbunden und empfunden wird.

Sicherheit im Wandel bleibt Anspruch der IG Metall
Olivier Höbel, IG Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen, erklärte im Anschluss an die Präsentation der Studienergebnisse, dass die IG Metall konkrete Vorstellungen habe, wie die Transformation in der Automobilindustrie gelingen könne. „Es bleibt die Aufgabe von Unternehmen, IG Metall und Politik, die Menschen auf diesem Weg der Veränderung mitzunehmen. Qualifizierung der Kolleginnen und Kollegen ist hierbei der Schlüssel.“ Die Ergebnisse des Transformationsatlas, den die IG Metall im Frühjahr erstellt hat, hätten auch für den Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen gezeigt, dass es vor allem in vielen kleinen Zuliefer-Betrieben an ausreichender Personalplanung fehle und es zu wenig Qualifizierungsangebote für die Beschäftigten gebe. Arbeitsmarktpolitische Instrumente sollten deshalb „passgenauer an Kompetenzen und das Erfahrungswissen der Menschen in den Betrieben ansetzen“, so Olivier Höbel, denn „Sicherheit im Wandel bleibt unser Anspruch.“  

Der Bezirksleiter ließ keinen Zweifel daran, dass die IG Metall gemeinsam mit den Beschäftigten daran arbeiten wird, die Herausforderungen der Transformation zu meistern, schließlich „sei die Automobilindustrie ein zentraler Innovationstreiber im Bezirk. „Wir wollen die komplette Wertschöpfungskette Automobil auch im Zeitalter der Elektromobilität weiterhin in Deutschland abgebildet haben. In unserem Bezirk geht es hierbei von Zwickau, Dresden, Leipzig bis nach Ludwigsfelde bei Berlin, wo Autos gebaut werden. Darüber hinaus gibt es Motorenwerke und zahlreiche Zulieferer bis hin zum Bau von Batterien in Ostsachsen“, so Olivier Höbel.

Hintergrund:
Die Automobilindustrie ist zu einem entscheidenden Wachstumsträger in Ostdeutschland geworden. Im „Autoland“ Sachsen sind etwa 95.000 Menschen in der Automobilindustrie beschäftigt, in Berlin-Brandenburg arbeiten rund 22.000 Kolleginnen und Kollegen in der Automobil-Branche.

Sachsen gehört mit fünf Fahrzeug- und Motorenwerken von Volkswagen, BMW und Porsche sowie rund 780 Zulieferern, Ausrüstern und Dienstleistern zu den wichtigsten deutschen Standorten im Kraftfahrzeugbau. Etwa jeder achte in Deutschland gebaute Pkw kommt aus Sachsen. Im Jahr 2017 wurden knapp 700.000 Fahrzeuge von VW, Porsche und BMW in Leipzig, Zwickau und Dresden gebaut. Die 95.000 Beschäftigten, davon mehr als 80 Prozent in der Zulieferindustrie, erbringen mehr als ein Viertel der sächsischen Industrieproduktion.

In Berlin und Brandenburg bauen die rund 22.000 Beschäftigten ebenfalls traditionelle Kraftfahrzeuge, Komponenten und Motoren. Das Spektrum der Firmen ist groß. Firmen wie BMW oder Mercedes-Benz sind ebenso ansässig wie Global Player der Zulieferindustrie sowie eine Vielzahl Mittelständler. Die großen Automobilhersteller sind in der Hauptstadtregion außerdem mit einer Vielzahl an neuen Geschäftsfeldern vertreten, zum Beispiel im Bereich der Mobilitäts-Dienstleistungen. Das Umsatzpotenzial von sogenannten Mobility-as-a-Service-Angeboten steigt Schätzungen zufolge von 2 Prozent im Jahr 2017 auf etwa 22 Prozent im Jahr 2022.