08.01.2026 | Der Kampf um die Angleichung der Arbeitsbedingungen Ost wie West reicht über Jahrzehnte zurück. Den 1990 vereinbarten Stufenplan der IG Metall zur vollen Angleichung der Entgelte im Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie wollten die Arbeitgeber 1993 am liebsten schon wieder abräumen. Die Angleichung der Arbeitszeit brauchte nochmal deutlich länger. Die 35-Stunden-Woche ist alles andere als ein Geschenk – sie ist das Ergebnis von jahrzehntelangem Kampf, von Streiks, Rückschlägen und Zusammenhalt. Heute steht sie als Symbol für Gerechtigkeit und die Kraft der Solidarität.
Es war ein historischer Durchbruch: Weit über 30 Jahre brauchte es, um ein Loch in die Arbeitszeitmauer zu schlagen. Seit dem 1. Januar 2026 arbeiten nun auch die Kolleginnen und Kollegen des VW-Werks Zwickau-Mosel 35 Stunden pro Woche – wie die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie in den alten Bundesländern, wo es die »35« schon seit 1984 gibt.
Doch der Weg dahin war steinig und voller Höhen und Tiefen. Immer wieder hieß es von Seiten der Arbeitgeber: Geht jetzt nicht, passt gerade nicht, der Absatz schwächelt, Finanzkrise, Corona-Krise etc. pp. Schon drei Jahre nach der Wiedervereinigung und dem Stufenplan der IG Metall, wonach die Entgelte bis 1994 im Flächentarifvertrag angeglichen sein sollten, kündigten die Arbeitgeber diese Tarifverträge und wollten die Angleichung aufschieben. Die Antwort der IG Metall fiel machtvoll aus: 1993 war das erste große Streikjahr nach dem Mauerfall. Die Tarifverträge wurden wieder in Kraft gesetzt, die Angleichung der Entgelte schrittweise angegangen.
Die Arbeitszeit allerdings war lange außen vor und schien im Osten wie in Stein gemeißelt. Im Jahr 2003 wagte die IG Metall dann den großen Schritt: Sie kündigte die Manteltarifverträge in Ostdeutschland, um die Angleichung der Arbeitszeit per Erzwingungsstreik durchzusetzen. Wochenlang standen Kolleginnen und Kollegen vor den Werkstoren, voller Hoffnung auf Gleichheit. Doch die Realität war hart: Die Arbeitgeber blieben stur. Kein Entgegenkommen, keine Bereitschaft zur Angleichung – trotz klarer Forderung und massiver Unterstützung aus den Betrieben.
Für die Kolleginnen und Kollegen war das ein Schlag ins Gesicht. Nach vier Wochen wurde der Streik abgebrochen. Für viele ein Schock, für manche ein Bruch. Diese Niederlage war für uns ein gewerkschaftliches Trauma. Erst in der Tarifrunde 2021 gelang es, die schrittweise Angleichung auf den Weg zu bringen – ein Erfolg, der Jahrzehnte auf sich warten ließ.
Mirko Hummel, VW-Mitarbeiter der ersten Stunde, erinnert sich an die Zeit nach der Wende: „Die Grundsteinlegung für den Bau des heutigen VW-Werkes war ein wichtiges Zeichen der Hoffnung für die Region. Anfangs waren die Unterschiede bei Arbeitszeit und Bezahlung im Vergleich zu den Werken in den alten Bundesländern enorm. Auch viele heute selbstverständliche Rahmenbedingungen gab es nicht – Arbeitskleidung zum Beispiel musste man selbst beschaffen und auch selbst reinigen.“
Über die Entwicklung sagt er: „In kleinen Schritten konnten viele Verbesserungen umgesetzt werden. Aber dass die Arbeitszeitverkürzung nicht im Flächentarifvertrag vereinbart werden konnte, ist sehr schade. Die Unterschiede werden nun in vielen anderen Unternehmen vermutlich länger bestehen als die deutsche Teilung selbst.“
Für Mike Schubert, der 1998 als befristeter Kollege im Fahrzeugwerk anfing, war die Angleichung kein abstraktes Thema, sondern ein persönlicher Kampf: „Am Anfang hat man sich keine Gedanken gemacht. Aber 2003 – mit dem Streik – wurde es plötzlich real. Ich war mittendrin, habe vor Werkstoren gestanden, nicht nur bei uns in Mosel, sondern auch in Brandenburg bei ZF. Wir haben Seite an Seite gekämpft, weil wir überzeugt waren: Jetzt schaffen wir es!“
Damals hatte die IG Metall die Manteltarifverträge in Ostdeutschland gekündigt, um die 35-Stunden-Woche per Erzwingungsstreik durchzusetzen. Wochenlang standen Kolleginnen und Kollegen vor den Toren, voller Hoffnung auf die längst überfällige Angleichung. Doch die Realität war hart: Die Arbeitgeber blieben stur. Kein Entgegenkommen, keine Bereitschaft zur Angleichung – trotz klarer Forderung und massiver Unterstützung aus den Betrieben. Nach vier Wochen wurde der Streik abgebrochen – ohne Urabstimmung. Für viele ein Schock, für manche ein Bruch:
„Als der Streik nach Wochen plötzlich abgebrochen wurde, war ich sprachlos. Wir hatten so viel Hoffnung, so viel Energie reingesteckt – und dann dieser Rückzieher. Für viele war das ein Bruch, etliche Kollegen traten aus der IG Metall aus. Bis dahin gab es keinen Zweifel an der Gewerkschaft – und plötzlich war alles anders.“
Als die IG Metall das Thema Jahre später wieder aufgriff, war die Stimmung anders: „Es war höchste Zeit! Diesmal mit einer klaren Strategie und gemeinsamem Druck. Und ja – wir haben es geschafft. Auch wenn es nicht im Flächentarifvertrag gelang, war es ein großer Erfolg. Ein Stück Gerechtigkeit.“
Mike sieht die Zukunft realistisch: „Eine Medaille hat zwei Seiten. Die 35 Stunden sind ein Gewinn – mehr Freizeit, mehr Lebensqualität. Aber klar: Weniger Zeit heißt auch weniger Stückzahl, höhere Fabrikkosten. Die Frage ist: Schaffen wir das mit mehr Effizienz oder brauchen wir mehr Personal? Das wird spannend.“
Melina Horst, die 2022 ihre Ausbildung bei Volkswagen begonnen hat und nach dem Auslernen weiter in der Jugend- und Auszubildendenvertretung aktiv ist, sieht die 35-Stunden-Woche positiv. Die junge Kollegin hat aber auch offene Fragen: „Ich finde es erstmal gut, wenn man die Möglichkeit hat, mehr Freizeit für sich einzuplanen. Aber aktuell ist noch nicht alles klar. Es stellt sich immer noch die Frage, wie die 35 Stunden dann tatsächlich im Arbeitsalltag umgesetzt werden.“
Ihre größte Sorge gilt im Moment mehr der grundsätzlichen Frage nach einer Zukunft im VW-Konzern: „Mit der Mitteilung letztes Jahr im September war für uns Azubis klar: Nach der Ausbildung geht es nach Wolfsburg. Tatsächlich rückt für die Jugend die 35-Stunden-Woche aktuell in den Hintergrund, weil wir uns fragen, wie es für uns überhaupt weitergeht.“
Und wie ist die Stimmung bei den Azubis, die jetzt erst ihre Ausbildung begonnen haben? „Die haben die Schlagzeilen mitbekommen, aber für sie gab es keinen Kampf. Für uns war das hingegen eine Zeit voller Unsicherheit.“ Ihr Wunsch für die Zukunft ist deshalb eindeutig: „Dass es weitergeht.“
Die »35« im Zwickauer Fahrzeugwerk von Volkswagen und die schrittweise Einführung in anderen Betrieben wie dem VW Bildungsinstitut, bei Mahle Industries, Motherson SAS oder Clarios ist mehr als eine Zahl. Die Einführung der 35-Stunden-Woche ist das Ergebnis von Jahrzehnten voller Hoffnung, Rückschlägen und hartem Einsatz. Für die Älteren bedeutet dieser letzte Schritt der Angleichung Ost-West Gerechtigkeit nach langem Warten. Mancher, der mit für die Angleichung gekämpft hat, ist längst in Rente und hat selbst gar nichts mehr davon. Für die Jüngeren ist sie ein Versprechen – verbunden mit der Frage: Wie geht es weiter?
Die Herausforderung bleibt, auch ab 1. Januar 2026. Denn keine dieser Errungenschaften ist in Stein gemeißelt. Gerade in diesen wirtschaftlich so stürmischen Zeiten werden wir sie verteidigen müssen. Eines aber steht fest: Trotz aller Höhen und Tiefen – der Kampf um die Angleichung zeigt, was Zusammenhalt bewirken kann. Die »35« ist nicht nur eine mögliche Wochenarbeitszeit – sie ist ein Symbol für Solidarität und Durchhaltevermögen.