Studie

Höhere Attraktivität der Betriebe durch Tarifbindung, doch die ist weiter rückläufig

  • 15.07.2021
  • tt
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Mehr Geld, bessere Arbeitszeiten, mehr Urlaub – Beschäftigte mit Tarifbindung haben es besser. Aber: Die Tarifbindung in Deutschland nimmt weiter ab, wie eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Für Fachkräfte sind Arbeitgeber ohne Tarifvertrag weniger attraktiv. Im Fachkräftemangel, der in vielen Branchen aktuell herrscht, liegt aber auch eine Chance, über Tarifverträge bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen.

Dass sich der Einsatz für die Tarifbindung lohnt, haben die Beschäftigten des Kabelwerks Meißen unlängst eindrucksvoll demonstriert. Foto: Volker Wartmann

Seit der Jahrtausendwende nimmt die Tarifbindung deutlich ab. Während zu Beginn des neuen Jahrtausends noch 68 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland in tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt waren, lag ihr Anteil im Jahr 2019 nur noch bei 52 Prozent. Innerhalb der Bundesrepublik gibt es ein West-Ost-Gefälle. Insbesondere in Ostdeutschland ist die Tarifbindung deutlich geringer ausgeprägt. In keinem Bundesland arbeiten laut WSI-Studie weniger Beschäftigte in tarifgebundenen Unternehmen als in Sachsen, wo nur 43 Prozent mit Tarifvertrag beschäftigt sind. In Brandenburg sind es 48 Prozent, in Berlin beträgt die Quote 47 Prozent.

Ohne Tarifvertrag verdienen die Beschäftigten deutlich weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen mit Tarifvertrag. Bei den Löhnen dokumentiert die WSI-Studie dokumentiert zum Beispiel, dass der Rückstand der tariflosen Betriebe insbesondere in Ostdeutschland sehr ausgeprägt ist. In Brandenburg etwa verdienen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Durchschnitt aller Branchen in tariflosen Betrieben rund 18 Prozent weniger als in vergleichbaren Unternehmen mit Tarifvertrag. Und auch in puncto Arbeitszeit stehen Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen besser dar.

Die geringe Tarifbindung hat aber nicht nur für die Beschäftigten selbst negative Konsequenzen. Verdienen die Menschen weniger Geld, sinkt die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten, was wiederum Auswirkungen auf die Infrastruktur ganzer Regionen und ihrer Attraktivität hat. Weil Fachkräfte inzwischen in vielen Branchen Mangelware sind, können sie sich ihre Arbeitgeber mittlerweile oft aussuchen. Oft bedeutet das, dass qualifizierte Beschäftigte ihrer Heimatregion den Rücken kehren und sie sich in anderen Gegenden niederlassen, wo sie attraktivere Arbeits- und bessere Rahmenbedingungen vorfinden.

Im Fachkräftemangel sehen die Autoren der WSI-Studie allerdings auch eine Chance, bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen und erfolgreich für die Tarifbindung zu kämpfen. Das beurteilt auch Birgit Dietze, Bezirksleiterin der IG Metall in Berlin-Brandenburg-Sachsen, so: „Für gute Arbeitsbedingungen sorgen die Beschäftigten, wenn sie mit gewerkschaftlicher Kraft Mitbestimmung, Beteiligung und Teilhabe einfordern. Mit Blick auf gute Zukunftsgestaltung gilt es, sich einzumischen, damit Arbeitsplätze erhalten und gute Arbeitsbedingungen ausgebaut werden.“

Die IG Metall sorgt gemeinsam mit gut organisierten Belegschaften immer wieder für gute Beispiele, wie Tarifbindung gelingen kann. So haben etwa die Kolleginnen und Kollegen aus dem Kabelwerk Meißen selbst in der Coronapandemie mit mehreren Warnstreiks öffentlichkeitswirksam sehr erfolgreich für die Rückkehr in einen tarifgebundenen Zustand gekämpft. Auch im Bereich der Kontraktlogistik haben die Beschäftigten erfolgreich für bessere Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge gekämpft.

Gefordert ist aber auch die Politik. Bund, Länder und Gemeinden verfügen mit der öffentlichen Auftragsvergabe und der Wirtschaftsförderung über zwei weitere Hebel. Sie könnten, so die Studienautoren, Tariftreue zur Voraussetzung für die Auftragsvergabe oder Förderung machen. „Der Staat hat lange bei seiner Beschaffung nur auf den niedrigsten Preis geschaut. Das hat Niedriglöhnen Vorschub geleistet, die dann nicht selten über Aufstockerleistungen wieder kompensiert werden mussten“, sagt Studienautor Professor Dr. Thorsten Schulten. „Es ist wichtig, dass immer mehr Länder diesen Kurs korrigieren.“

Weitere Informationen des WSI:

 

 


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