27.02.2026 | Vor anderthalb Jahren hat Olaf Wobst den Betriebsratsvorsitz bei Alstom in Bautzen übernommen. Warum das keine ganz einfache Entscheidung für ihn war, wie es um Transformation, Investitionen in den Standort und Prämienlohn bestellt ist und wie sich der Betriebsrat auf die Betriebsratswahl am 3. März vorbereitet hat, erzählt er im Interview.
Olaf, Endspurt in Richtung Betriebsratswahlen. Nervös?
Olaf: Ein bisschen schon, das gehört ja irgendwie dazu. Dabei ist das eigentlich nicht nötig, denn wir sind bestens vorbereitet und haben nichts dem Zufall überlassen.
Das bedeutet?
Olaf: Das Wahllokal ist am 3. März von 4:30 bis 19 Uhr geöffnet. Damit haben alle Schichten die Möglichkeit, ihre Stimme abzugeben. Und selbst die Kolleginnen und Kollegen, die an diesem Tag nicht im Betrieb sind, können wählen. Der Wahlvorstand hat dafür gesorgt, dass sie rechtzeitig ihre Wahlunterlagen erhalten haben. Das ist bei dieser Wahl besonders wichtig. Denn neben Langzeiterkrankten und Beschäftigten, die im Urlaub sind, übernehmen wir ja 186 Kolleginnen und Kollegen aus dem Alstom-Werk in Görlitz. Aus unterschiedlichsten Gründen sind von ihnen noch nicht alle bei uns am Standort angekommen. Aber auch sie sollen die Chance haben, ihren Betriebsrat und die Personen ihres Vertrauens zu wählen.
Das hört sich nach Personenwahl an?
Olaf: Ja, dieses Mal ist es uns tatsächlich wieder gelungen, dass wir eine Personenwahl durchführen können. Das war uns wichtig, weil jede Kollegin und jeder Kollege so die Menschen aus ihren Bereichen oder auch aus dem ganzen Betrieb wählen können, zu denen sie Vertrauen haben.
Kandidieren denn aus allen Bereichen Kolleginnen und Kollegen?
Olaf: Ja, ob aus Logistik, Einkauf, Produktion, Testing, Werkssicherheit oder Kundendienst, um nur einige Beispiele zu nennen: Aus wirklich allen Bereichen stellen sich Kolleginnen und Kollegen zur Wahl und bringen jede Menge Expertise und Background aus ihren Fachbereichen mit. Wir haben im Vorfeld ganz genau in jeden einzelnen Bereich geguckt und gezielt Kolleginnen und Kollegen angesprochen. Das ist eine starke Truppe aus Metallerinnen und Metallern, die wir zusammengebracht haben. Jede und jeder Einzelne bringt viel Motivation für eine lebendige Mitbestimmung hier bei uns in Bautzen mit.
Motivation ist ein gutes Stichwort. Du gehst als Betriebsratsvorsitzender in die Wahl, Olaf. Was treibt Dich an, Dich wieder zur Wahl zu stellen?
Olaf: Wir verbringen die Hauptzeit unseres Lebens am Arbeitsplatz. Da ist es wichtig, dass wir Beschäftigten uns dort wohlfühlen. Das passiert nicht von allein, dazu braucht es die Mitbestimmung. Die ist, wenn sie gut aufgestellt ist, ein scharfes Schwert, was wir Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Hand haben. Dass Alstom ein so attraktiver Arbeitgeber in unserer Region ist – tarifgebunden – hängt auch mit einer funktionierenden und starken Mitbestimmung zusammen – und auch mit dem super Support der IG Metall. Ich bin seit 38 Jahren hier im Werk, habe hier meine Ausbildung gemacht und habe meinen Job als Verantwortlicher für den Korrosionsschutz im Werk mit Kundenkontakt wirklich gern gemacht …
… deshalb hast Du auch so lange gezögert, den Betriebsratsvorsitz mit Freistellung zu übernehmen?
Olaf: Ja, die Entscheidung habe ich mir wirklich nicht leicht gemacht. Mein ursprünglicher Job war mir einfach zu wichtig. Aber nachdem mein Vorgänger Mario Campo die Chance hatte, in den Aufsichtsrat zu wechseln, dies aber nur tun wollte, wenn er eine gute Nachfolge hinkriegt, habe ich mich nicht länger weggeduckt – und als freigestellter Betriebsratsvorsitzender ab 1. August 2024 Verantwortung übernommen. Das mache ich jetzt, ebenso wie in meiner vorherigen Tätigkeit, mit Leib und Seele. Ich stehe und brenne für das Werk.
Die Entscheidung hast Du also nicht bereut?
Olaf: Nein, zu keiner Zeit. Die Arbeit im Betriebsratsteam macht mir ungeheuer viel Spaß. Wir haben uns als Gremium super entwickelt und verstehen uns blind.
Was habt Ihr in den vergangenen Jahren erreicht?
Olaf: Wir haben den schweren Weg des Übergangs von Bombardier zu Alstom gemeistert. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass sich die Welt für uns um 180 Grad gedreht hat. Wir mussten uns in die neuen Zwänge vom Alstom implementieren, quasi die Anforderungen eines neuen Betriebssystems stemmen. Da gab es durchaus auch Angriffe auf vorhandene Agreements, zum Beispiel wollte die neue Geschäftsführung den Prämienlohn einfrieren, der bei unseren Kolleginnen und Kollegen für viel Motivation sorgt. Diesen Angriff haben wir erfolgreich abgewehrt. Und mit unserer motivierten Belegschaft ist es uns gelungen, als erstes Werk des Konzerns in Deutschland überhaupt einen Alstom-Auftrag zu bekommen. Das ist schon etwas Besonderes in der Alstom-Welt. Außerdem haben wir uns für Investitionen in den Standort stark gemacht, die in die Zukunft führen. Auch da sind bereits viele geflossen. Beispielhaft sei da nur die neue Fertigungshalle erwähnt, die Ende Januar eröffnet wurde.
Welche Herausforderungen erwartest Du in den kommenden Jahren?
Olaf: Wir sind zwar auf einem guten Weg, aber die Transformation ist auch bei uns noch lange nicht abgeschlossen. Digitalisierung und vor allem die künstliche Intelligenz stellen uns vor große Herausforderungen. Das müssen wir aber nicht allein bewältigen. Das sind Themen die im Gesamtbetriebsrat und dort im IT-Ausschuss ganz oben auf der Agenda stehen. Ja, und last but not least, müssen wir die Geschäftsführung immer wieder davon überzeugen, dass wir hier am Standort richtig gute Arbeit leisten. Denn es geht darum, 1100 Kolleginnen und Kollegen hier in Lohn und Brot zu halten, ihnen weiter gute Perspektiven in unserer Region zu bieten. Schließlich sind das nicht irgendwelche Arbeitsplätze, sondern richtig gute, eben tarifgebundene.
Du hast eben auch auf die gute Zusammenarbeit mit der IG Metall hingewiesen. Wie unterstützt Euch die IG Metall?
Olaf: Wir haben mit Uwe Garbe einen Ersten Bevollmächtigten und Betriebsbetreuer, den wir uns nicht besser wünschen könnten. Er ist jederzeit für uns da und ansprechbar – und das nicht nur im übertragenen Sinn. Jeden Montag ist Uwe zum Beispiel von 7 bis 8 Uhr bei uns zu einer offenen Sprechstunde im Werk. Daran können alle Kolleginnen und Kollegen teilnehmen und ihre Sorgen und Nöte loswerden. Oder wenn es Fragen zu Rechtsthemen gibt, reicht ein Anruf in der Geschäftsstelle und wir bekommen adäquat Auskunft. Und da ich Mitglied im Ortsvorstand der Geschäftsstelle Ostsachsen bin, bin ich umgeben von einem Netzwerk aus Expertinnen und Experten aus anderen Betrieben. Das hilft schon sehr, weil viele Probleme zum Beispiel mit der Transformation in vielen Betrieben ähnlich sind und das Rad nicht immer neu erfunden werden muss.
Olaf, vervollständigst Du mir zum Abschluss noch den folgenden Satz? Ich bin froh, die IG Metall an meiner Seite zu haben, weil …
Olaf: … es uns ohne die IG Metall sicherlich so nicht mehr geben würde oder der Standort, wie es mal vorgesehen war, auf 400 Beschäftigte geschrumpft worden wäre. Und weil wir gemeinsam mit der IG Metall für gute, sichere und tarifierte Industriearbeitsplätze in der Region und für die Region kämpfen. Für diesen Satz ließen sich noch sehr viele Abschlüsse finden.
Das Interview führte Kathryn Kortmann.
Zum Hintergrund:
Seit Anfang 2021 gehört das ehemalige Bombardier-Werk in Bautzen zum Konzern des französischen Schienenfahrzeugherstellers Alstom. Am Standort werden unter anderem Straßenbahnen für Dresden, Berlin oder Magdeburg sowie S-Bahn-Züge für Hamburg und zukünftig auch für das Rheinland gebaut. Laut Konzernangaben ist das Alstom-Werk in Bautzen einer der modernsten Produktions- und Teststandorte Europas. Bei Alstom in Bautzen sind derzeit mehr als 1400 Kolleginnen und Kollegen beschäftigt, 1100 haben einen festen Arbeitsvertrag, die übrigen sind Leiharbeitsbeschäftigte. Aus dem Schwesterwerk in Görlitz, dessen Standort das Unternehmen aufgibt, wechseln insgesamt 186 Kolleginnen und Kollegen nach Bautzen.
Olaf Wobst (54) hat 2006 erstmals für den Betriebsrat kandidiert. Seit dem 1. August 2024 ist er Betriebsratsvorsitzender eines 15er-Gremiums und für seine BR-Tätigkeit freigestellt. „Das war keine leichte Entscheidung, weil mir mein alter Job sehr wichtig war und mir großen Spaß gemacht hat“, sagt Olaf Wobst, „aber letztlich doch die richtige Entscheidung, weil ich an dieser Stelle die Zukunft unseres Standorts gemeinsam mit unserem Betriebsratsteam mitgestalten kann.“