Interview mit Jan Otto

Jetzt ist der beste Moment, in die IG Metall einzutreten

10.11.2025 | Seit dem 8. September leitet Jan Otto die IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen. Im Interview stellt der gebürtige (Ost-)Berliner sich und seine Visionen für den Bezirk vor. Und er macht deutlich, warum gerade jetzt in der Industriekrise eine starke IG Metall besonders wichtig ist.

Bezirksleiter Jan Otto. (Bild: Christian von Polentz)

Jan, Du hast Dein Amt als Bezirksleiter mitten in einer schweren Industriekrise angetreten. Was überwiegt bei Dir: Freude oder Druck?

Jan Otto: Ich war gerne Bevollmächtigter und bin jetzt genauso gerne Bezirksleiter. Den Druck darf man nicht an sich heranlassen. Ich sehe auch viele Chancen. Wir können im Osten Industriegeschichte fortschreiben. Als IG Metall setzen wir uns mit aller Kraft dafür ein, dass die nächsten Kapitel positiv statt negativ ausfallen. Daher fällt mir bei der neuen Aufgabe nicht Freude als erstes ein, sondern Tatkraft. Wir gehen es gemeinsam an.

Viele kennen Dich aus Deiner Zeit als Erster Bevollmächtigter in Berlin und davor in Ostsachsen, aber nicht alle. Wer also ist Jan Otto?

Jan Otto: Die Kurzfassung: Geboren vor 44 Jahren im wunderschönen Berlin, in Köpenick. Genauso im Westen wie im Osten der Stadt gelebt. Im ersten Beruf als Lokführer gearbeitet. War Betriebsratsvorsitzender, Gesamtbetriebsratsvorsitzender – verstehe also mein Handwerk. Seit 2009 bin ich hauptamtlicher Gewerkschafter, erst für die Eisenbahngewerkschaft, dann für die IG Metall. Vater von zwei Kindern, über die ich mich sehr freue.

In Deinen verschiedenen Funktionen für die IG Metall: Welche Themen haben Dich immer wieder begleitet?

Jan Otto: Sehr viel habe ich mich mit Neuerschließung und der Gründung neuer Betriebsräte beschäftigt und mit der Durchsetzung von Tarifverträgen in Betrieben. Jede Menge Abwehrkämpfe habe ich geführt, sowohl in Ostsachsen als auch in Berlin.

Was prägt Deine Arbeit? Wie würdest Du Dich als IG Metaller selbst beschreiben?

Jan Otto: Ich bin kein Verfechter der Jammer-Ossi-Mentalität. Ich trete an, um zu gestalten und um zu gewinnen. Klappt nicht immer. Aber wenn nicht dann will ich sagen können: Wir haben alles versucht. Meine Überzeugung ist: Vieles geht, auch heute in schweren Zeiten mit der Industrie in einer Krise. Aber dafür müssen wir stark sein und an die Menschen herankommen.

Was zeichnet den IG Metall-Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen aus?

Jan Otto: Wir haben gezeigt, dass wir kämpfen können in den Umbrüchen ohne Ende. Einen solch massiven Abbau von Industriearbeitsplätzen wie hier nach der Wende haben andere Regionen nicht erlebt. Reihenweise haben die Menschen Jobs und Perspektive verloren. Als Wende-Kind kenne ich das aus der eigenen Familie: Vater nie wieder richtig gearbeitet, die Mutter bis zur Rente gearbeitet. Das macht was mit den Menschen.  

Also unterscheidet sich der Osten immer noch von anderen Regionen?

Jan Otto: Wir dürfen nicht so tun, als ob der Osten ein normaler Teil der Republik sei. Hier gibt es nach wie vor besondere Herausforderungen. Aber wir haben auch viele Chancen. Unser Bezirk ist sehr bunt, wir haben einen Mix der Industrien und hängen nicht allein von der Autoindustrie ab. Nur ein Beispiel: Wir haben den größten Halbleiter-Standort Deutschlands und viele Digital-Unternehmen.  

Was kann, was muss besser werden im Bezirk?

Jan Otto: Wir müssen wieder verstehen, dass wir Teil einer Gesamtorganisation sind. Wir müssen gemeinsam kämpfen. Deswegen rate ich jedem: Weg von dem Jammerimage. Wir können nach vorn gehen. Wir wissen, wie man Strukturwandel beschäftigtenfreundlich gestaltet. Vor allem in den Zukunftsindustrien können wir als IG Metall besser werden und mehr Mitglieder gewinnen.

Gerade bei uns in Ostdeutschland fürchten viele den Abbau ihrer Industrie-Arbeitsplätze. Wie können wir gegenhalten?

Jan Otto: Mit einer glasklaren industriepolitischen Haltung. Wir müssen allen Verantwortlichen in den Unternehmen und der Politik sehr deutlich machen: Eine weitere De-Industrialisierung würde politische Folgen nach sich ziehen, die niemand mehr kontrollieren könnte. Die traumatische Erfahrung der 1990er Jahre mit der De-Industrialisierung im Osten darf sich nicht wiederholen. Seitdem haben wir große Ansiedlungserfolge erzielt. Die dürfen jetzt nicht verspielt werden.

Bei Volkswagen in Zwickau fragen sich viele, wie es mit dem Werk dauerhaft weitergeht. Was können wir den Kolleginnen und Kollegen dort sagen?

Jan Otto: Es ist kein Geheimnis, dass im VW-Konzern die Decke insgesamt dünner geworden ist. Das VW-Werk in Zwickau in Gänze zu sichern ist ein enormer Kraftakt. Wir gehen das mit Hochdruck an. Gemeinsam mit der Belegschaft, mit dem Betriebsrat und der IG Metall vor Ort schauen wir uns an, was geht, um die Beschäftigung dauerhaft zu sichern. Wir führen Gespräche mit der Landesregierung, mit dem Bund, mit dem Unternehmen.

Auch in zahlreichen anderen Unternehmen im Bezirk droht ein Stellenabbau, etwa bei Alstom, Mercedes oder ZF. Wie geht die IG Metall damit um? Gibt es in diesen Kämpfen eine gemeinsame Linie?

Jan Otto: Die brauchen wir in jedem Fall. Meine Linie ist: Ich schließe lieber Zukunftstarifverträge mit Beschäftigungs- und Standortgarantieren ab als einen Sozialplan auszuhandeln. Dafür brauchen wir einen hohen Organisationsgrad. Und zwar rechtzeitig. Nur dann können wir die Werke frühzeitig stabilisieren. Wir müssen den Leuten klar machen: Die Kämpfe werden vielfältiger und sie werden mehr. Es gibt keinen besseren Moment als jetzt, um in die IG Metall einzutreten.

Nächstes Jahr sind Betriebsratswahlen. Was erwartest Du Dir davon?

Jan Otto: Die Betriebsratswahlen sind ganz entscheidend für die Zukunft der Betriebe. Ich hoffe, dass viele ins Team IG Metall kommen, dass sich viele Betriebsräte klar zur IG Metall bekennen. Ein Betriebsrat ist gut und wichtig. Aber volle Durchsetzungskraft hat er nur mit einer starken Gewerkschaft. Das zeigt sich besonders deutlich bei Abwehrkämpfen.

Extreme Kräfte machen mobil für die Betriebsratswahl. Wie gefährlich ist das für die Betriebe?

Jan Otto: Wer die anderen Kräfte unterstützt, muss wissen, welches Risiko sie oder er damit eingeht. Niemand hat so gut bewiesen wie die IG Metall-Betriebsräte, dass sie Kämpfe gemeinsam mit den Belegschaften und der IG Metall erfolgreich führen können: für Tarifverträge, gegen Stellenabbau, für die Standort- und Beschäftigungssicherung.

Betriebsratswahlen stehen auch bei Tesla an. Bei der letzten Wahl ist die IG Metall-Gruppe zwar stärkste Fraktion geworden, stellt aber nicht die Mehrheit. Wie lässt sich beim nächsten Mal ändern?

Jan Otto: Wir wissen, wie viel bei Tesla im Argen liegt, wie schlecht vielfach die Arbeitsbedingungen sind. Wir wissen auch, dass die gegnerischen Listen managementnah sind, auch die derzeitige Betriebsratsvorsitzende. Dies werden wir im Wahlkampf im Betrieb sehr deutlich machen und in die Offensive gehen. Wir wollen einen Betriebsrat, der für die Beschäftigten arbeitet und nicht für das Management. Wir stehen auch in Grünheide für gute Arbeit – und die gibt es am besten mit einem Tarifvertrag.

Bei Stahl ist die IG Metall ohne Forderung nach einer konkreten Prozentzahl für die Entgeltsteigerung in die Tarifverhandlung gegangen. Ein Modell für andere Branchen?

Jan Otto: Das war eine ungewöhnliche Forderung in einer ungewöhnlichen Lage. Bei Stahl geht es um die Existenz vieler Betriebe hier am Standort. Politik und Unternehmen müssen jetzt zeigen, dass hier am Standort die Stahlproduktion noch gewollt ist. Wir brauchen leistungsfähige Stahlwerke in Deutschland. Der Stahlgipfel im Kanzleramt hat dazu  in der vergangenen Woche die richtige Botschaft ausgesandt. 

Zum Schluss musst Du nur noch einen Satz beenden. Wenn Jan Otto in fünf, zehn oder 20 Jahren als Bezirksleiter aufhört, dann wird die IG Metall in Berlin-Brandenburg-Sachsen….

Jan Otto: …bewiesen haben, dass der Osten Transformation kann. Und wir werden gute Arbeit zu Tarifbedingungen auch in einer komplett veränderten Industrielandschaft durchgesetzt und Beschäftigung langfristig gesichert und ausgebaut haben.

Von: ms

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