Knorr-Bremse – Demonstration

Knorr-Bremse: Die hässliche Seite des Kapitalismus

  • 07.03.2019
  • igm
  • Aktuelles

620 Kilometer bis München und wieder zurück. Die Beschäftigten von KB SteeringSystems aus Wülfrath bei Düsseldorf haben diese Strapazen auf sich genommen, um am Donnerstag, 7. März, vor den Toren der Knorr-Bremse AG auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Drinnen geht es um Bilanzen, draußen um die Existenz. Wie es in Wülfrath weitergehen soll, sagt der Vorstand ihnen nicht. Bei Knorr-Bremse hat das System und ist einem M-Dax-Unternehmen unwürdig.

Beschäftigte protestieren vor den Toren der Knorr-Bremse AG gegen die Rationalisierungspläne des Konzerns. © Gewerkschaftsreporter.de

„Ich bin von Knorr-Bremse total enttäuscht. Sie hatten versprochen, in unseren Wülfrather Standort zu investieren, aber letztlich ging es dem Vorstand wahrscheinlich nur um unsere Patente“, sagt Martina Forst-Schlüter, Betriebsrätin bei KB SteeringSystems. Die 58-Jährige hat um ihren Arbeitsplatz Angst. Deshalb ist sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Nacht durchgefahren, um am Donnerstag vor der Münchner Knorr-Bremse-Zentrale (KB) gegen die unmenschliche Hinhaltetaktik des Konzerns zu demonstrieren. Drinnen feiern sie bei der Bilanzpressekonferenz Zahlen, verliert Martina Forst-Schlüter mit 58 Jahren jedoch ihren Job, „kann das am Ende für mich Hartz IV bedeuten“, sagt sie.

Das System Knorr-Bremse und das Beispiel Wülfrath
Vor drei Jahren hat sich Knorr-Bremse in Wülfrath eingekauft. Dort produzieren die 400 Beschäftigten nun unter dem Firmennamen KB Steeringsystems GmbH Lenksysteme für Fahrzeuge, entwickeln und bauen aber auch innovative Systeme für autonomes Fahren. „Vor dem Kauf gab es auch ausländische Interessenten. Wir haben jedoch viel Hoffnung in die deutsche Knorr-Bremse gesetzt, weil wir als tarifgebundenes Unternehmen autonomes Fahren gemeinsam mit der Geschäftsleitung entwickeln wollten“, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende Ahmet Yildiz. In dieser Sichtweise hat der Vorstand den Betriebsrat damals bestärkt. Die Belegschaft hat entsprechend mitgezogen und sich reingehängt.

Zeitgleich schafft Knorr-Bremse Fakten – in Asien. Dort hat der Konzern den Geschäftsbereich Lenksysteme für Nutzfahrzeuge von Hitachi Automotive Systems in Japan und Thailand übernommen. Die Furcht unter den Beschäftigten ist groß, dass KB die Fertigung nach Asien verlagern wird und rund 300 Beschäftigte in Wülfrath ihren Arbeitsplatz verlieren. In Wülfrath, der Stadt mit ihren 22.000 Einwohnern nahe Düsseldorf, ist KB SteeringSystems der größte Arbeitgeber.

Wenn chinesische Investoren ein Unternehmen wie Kuka, Ledvance oder Coriant kaufen, diskutieren wir in Deutschland darüber, ob wir damit nicht auch unser Know-how und damit unsere Zukunft leichtfertig aus der Hand geben. Bei der Knorr-Bremse AG mit seinem deutschen Mehrheitsaktionär diskutieren wir das nicht – es wäre aber nötig. Denn das Werk in Wülfrath ist eines der wenigen in Deutschland, in dem sie Lenksysteme für autonomes Fahren entwickeln und auch produzieren. Verschwindet die Fertigung, ist es nur noch ein kurzer Schritt, bis auch das Know-how im Ausland erdacht und umgesetzt wird; zum Nachteil des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Der unanständige Konzern
Bei KB müssen die Beschäftigten zudem 42 Stunden pro Woche arbeiten statt 35 Stunden wie in der Metall- und Elektroindustrie üblich – einen ganzen zusätzlichen Tag ohne Lohnausgleich. Zum Beispiel bei KB PowerTech mit Sitz in Berlin. Hier hat die Geschäftsleitung über Wochen und Monate nahezu jeden Beschäftigten einzeln unter Druck gesetzt, damit er einen neuen Vertrag unterschreibt und künftig 42 Wochenstunden arbeitet. Die Hälfte hat sich dem Druck gebeugt, die andere Hälfte, darunter viele IG Metall-Mitglieder, haben das Papier nicht unterschrieben. Sie arbeiten deshalb weiterhin 35 Stunden. Das war ein Erfolg, den IG Metall-Mitglieder, Belegschaft und IG Metall erkämpft haben – auch mit Unterstützung der Politik.

Unter Druck setzen, erpressen, drohen
Knorr-Bremse orchestriert seine Aktionen, in dem es maximalen Druck auf seine Beschäftigten ausübt, aber auch auf die IG Metall. In Berlin hat der KB-Vorstand versucht, eine ihm unliebsame Berichterstattung durch die IG Metall Berlin mundtot zu machen und hat dafür die auf Presse- und Medienrecht spezialisierte Hamburger Kanzlei Prinz & Partner engagiert. Die Gerichte haben jedoch alle Klagen abgewiesen.

Hochpolitisch – ohne Tarif im M-DAX
„KB setzt auf Zermürbung und Angst und wirkt damit auf die Beschäftigten ein. Für uns offenbart die Knorr-Bremse AG die hässliche Seite des Kapitalismus“, sagt Klaus Abel, ehemaliger Bevollmächtigter der IG Metall Berlin und jetzt beim IG Metall-Vorstand zuständig für Transformation. Von einem Unternehmen wie Knorr-Bremse erwartet die IG Metall, dass es sich fair gegenüber seinen Beschäftigten verhält und eine Sozialpartnerschaft lebt. Das aber wollen weder der Vorstandsvorsitzende Klaus Deller noch der alternde Patriarch Heinz-Hermann Thiele.

Mit seinem Geschäftsgebaren verschafft sich Knorr-Bremse einen den Wettbewerb verzerrenden Vorteil. Das setzt auch die Tariflöhne unter Druck, die ein wichtiger Baustein für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. „Steigt die Knorr-Bremse AG in den M-Dax auf, ist es das einzige dort notierte Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie, das nicht tarifgebunden ist. Das ist ein verheerendes Signal und darf nicht toleriert werden“, sagt Klaus Abel. Nicht nur für ihn ist das eine hochpolitische Frage.

Widerstand lohnt sich
In Berlin haben sich nicht nur viele Beschäftigte von KB PowerTech gegen den Druck der Unternehmensleitung gewehrt, sondern auch die Kolleginnen und Kollegen von Hasse & Wrede. Dort haben die Kollegen viele Jahre 42 Stunden gearbeitet, weil es dem Unternehmen wirtschaftlich schlecht ging. Als es dann wieder profitabel war, verkündete die Geschäftsleitung einen neuen Plan: Sie wolle die Fertigung nach Tschechien verlagern, rund 100 Beschäftigte kurzerhand entlassen. Die stellten sich quer, organisierten sich in der IG Metall, erarbeiteten mit der Gewerkschaft alternative Wirtschaftspläne. „Gemeinsam ist es uns gelungen, die Schließungspläne zu verhindern. Bedeutsam aus unserer Sicht ist, dass sich Widerstand lohnt“, sagt Klaus Abel.

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