25.02.2026 | In Sachen Betriebsratsengagement ist Heiko Engelmann ein alter Hase. Der 60-Jährige kann auf annähernd drei Jahrzehnte Betriebsratserfahrung zurückblicken. Bei der Betriebsratswahl vom 10. bis 12. März bei Alstom in Hennigsdorf tritt er wahrscheinlich zum letzten Mal an. Warum er sich bis zu seiner Rente weiter im Betriebsrat engagieren will, schildert Heiko Engelmann im folgenden Interview.
Warum kandidierst Du erneut für den Betriebsrat?
Betriebsratsarbeit bietet eine Menge Gestaltungsspielraum – viel mehr, als ich mir anfangs vorstellen konnte. Bevor ich 1998 erstmals für den Betriebsrat kandidiert habe, musste ich von meinen Kolleginnen und Kollegen mehr oder weniger dazu überredet werden. Zuvor war ich hauptsächlich gewerkschaftlich aktiv und bei Aktionen und Warnstreiks immer vorn dabei. Im Betriebsrat wird Demokratie gelebt. Das ist immer wieder herausfordernd und eine spannende Erfahrung, die mich auch für mein privates Leben geprägt hat. Es ist nicht möglich, als Vorsitzender oder Einzelner im Betriebsrat etwas durchdrücken zu wollen. Es ist sehr lehrreich, sich in diesem bunt gemischten Gremium, in dem Kolleginnen und Kollegen aus nahezu allen Abteilungen und mit teils unterschiedlichen Interessen und Ideen mitmachen, Mehrheiten erarbeiten zu müssen.
Wie habt ihr als Betriebsrat euren Gestaltungsspielraum genutzt?
Bei uns am Standort Hennigsdorf sind wir sehr international aufgestellt. Hier arbeiten Kolleginnen und Kollegen aus mehr als 50 Ländern. Um möglichst viele von ihnen zu erreichen, haben wir unserer Kommunikationskonzept in den vergangenen Jahren stark erweitert und verbessert. Wir haben beispielsweise eine Arbeitsgruppe interkulturelle Kommunikation initiiert, um mit diesen Kolleginnen und Kollegen in den Austausch zu kommen.
Ein steter Informationsfluss zwischen Betriebsrat und der Belegschaft ist sehr wichtig, um die Kolleginnen und Kollegen auf dem Laufenden zu halten und den Zusammenhalt untereinander zu verbessern. Darum informieren wir als Betriebsrat die Belegschaft nicht nur auf Betriebsversammlungen, sondern geben monatlich auch eine Betriebsratszeitung heraus, sowohl gedruckt als auch in digitaler Form. Außerdem informieren wir über kontinuierlich auf Infotafeln im Betrieb und eine Sharepoint-Seite über unsere Aktivitäten und die aktuelle Situation im Unternehmen.
Welche Projekte waren die wichtigsten in der vergangenen Amtsperiode?
In den vergangenen Jahen haben uns die Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite über die Neuausrichtung der 14 deutschen Alstom-Standorte extrem viel beschäftigt. Dazu gehörte auch die fristlose Kündigung des Zukunftstarifvertrages, als der Arbeitgeber seinen Teil der Verpflichtungen nicht eingehalten hat. Daraufhin machten tausende Beschäftigte ihre Ansprüche aus einbehaltenen Entgeltbestandteilen geltend und klagten vor den Arbeitsgerichten. Dabei ist vieles andere in den Hintergrund geraten, die Atmosphäre und Stimmung innerhalb der Belegschaft haben darunter sehr gelitten.
Wie habt ihr als Betriebsrat Einfluss auf die Umstrukturierungen im Konzern nehmen können?
Ich bin ja auch im Gesamtbetriebsrat des Unternehmens aktiv. Bei den schwierigen Diskussionen und Auseinandersetzungen über die Zukunft der deutschen Alstom-Standorte haben der Gesamtbetriebsrat und die Betriebsräte der verschiedenen Standorte gemeinsam und solidarisch an einem Strang gezogen.
Unsere Geschlossenheit und unsere Zähigkeit haben sich gelohnt: Nach annähernd zehn Jahren Kampf um den Erhalt der Produktion gibt es endlich eine nachhaltige Strategie für die Fertigung und damit einen Zukunftsplan für unseren Standort. Bis zum 31. März 2028 wird es bei uns keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Wir sollen hier künftig keine neuen Schienenfahrzeuge mehr bauen, sondern uns auf Serviceleistungen konzentrieren: Modernisierung, Digitalisierung, und Instandhaltung von Fahrzeugen sowie Unfallreparaturen. Für diese Zukunftsausrichtung soll an unserem Standort in Hennigsdorf investiert werden. Das ist für alle eine gute Nachricht.
In welcher Form unterstützt euch die IG Metall?
Die IG Metall unterstützt uns auf mehreren Ebenen. Bei den Verhandlungen über die Zukunft der Standorte des Unternehmens in Deutschland stand uns die Vorstandsebene der IG Metall in den vergangenen Jahren stets mit Rat und Tat zur Seite. Das war sehr wichtig für uns als Betriebsräte.
Die Geschäftsstelle Oranienburg-Potsdam unterstützt uns logistisch und aktiv bei Warnstreiks und Aktionen; ebenso bei den Klagen, die Beschäftigte nach der Kündigung des Zukunftstarifvertrags gegen das Unternehmen geführt haben. Außerdem haben die Kolleginnen und Kollegen in der Geschäftsstelle für unsere Anliegen jederzeit ein offenes Ohr für uns.
Und die IG Metall-Bezirksleitung Berlin-Brandenburg-Sachsen steht uns während der Tarifauseinandersetzungen in der Metall- und Elektroindustrie in unserem Bezirk jedes Mal tatkräftig bei. Mit der IG Metall im Rücken ist unser Betriebsrat schlagkräftiger und durchsetzungsstärker.
Heiko Engelmann arbeitet sein gesamtes Arbeitsleben am heutigen Alstom-Standort in Hennigsdorf. 1982 begann er bei dem Schienenfahrzeughersteller seine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Der überzeugte Metaller arbeitet seit 1998 im Betriebsrat mit. Seit 2014 ist er für seine Betriebsratstätigkeit freigestellt, seit 2022 ist er Vorsitzender des 19-köpfigen Gremiums. Am Alstom-Standort in Hennigsdorf arbeiten rund 2200 Beschäftigte.
Das Interview führte Volker Wartmann.