Transformation

Transformation gestalten! – Gewerkschaft trifft Wissenschaft in Leipzig

  • 20.02.2019
  • aw
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Rund 150 Studierende, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Interessierte diskutierten am 20. Februar in Leipzig, unter anderem mit Jörg Hofmann, dem Ersten Vorsitzenden der IG Metall. Der Wissenschaftsstandort Leipzig zeigte sich an der Uni Leipzig von seiner besten Seite.

Fotos: IG Metall

Aus dem Paulinum reichte der Blick weit über die Stadt Leipzig mit rund 20.000 Arbeitsplätzen im Automobil-Cluster. Bernd Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Leipzig, begrüßte zum „exklusiven und sehr experimentellen“ Format gemeinsam mit dem DGB – erstmals an der Universität in Leipzig. Mit einem Film-Einspieler wurden die Gäste eingestimmt auf das Thema Transformation, das schon heute die Science-Ficton von früher überholt hat.

"Beschäftigungswandel erfordert Qualifikation und Weiterbildung"
„Die Megatrends treffen auf eine Gesellschaft, die zunehmend ungerecht ist und auch so empfunden wird. Wir wollen eine Transformation in eine Arbeitswelt, die sicher, gerecht und selbstbestimmt ist“, sagte Jörg Hofmann. Die Metall- und Elektroindustrie sei gefordert, in den nächsten elf Jahren ihre Produktionskapazitäten umzustellen auf Elektro, erklärte Hofmann. Und weiter: „Heute, 2019, sind nur 2 Prozent der angemeldeten Autos Elektroautos. Wenn wir bis 2030 die Emmissionsziele erreichen wollen, haben wir elf Jahre Zeit. Dieser Wandel betrifft 200.000 Kollegen – unmittelbar. Dazu kommen die Zuliefererbereiche, in denen unklar ist, wie die Jobs von morgen aussehen.“

Jörg Hofmann skizzierte die Veränderungen, die mit der Umstellung auf Elektromobilität auf die Automobilindustrie zukommen werden: Digitalisierung von Produkten und Prozessen, das Internet der Dinge, Roboter in der Logistik, Beschäftigungsabbau – und gleichzeitig neue Berufsbilder, die benötigt werden. „Als Gewerkschaft müssen wir jetzt über einen längeren Zeitraum gestalten. Der Prozess mit seiner zeitlichen Dynamik und Wucht trifft nicht auf ein Gerüst, das dafür gewappnet ist“, sagte er.

Die Transformation hat weitreichende Konsequenzen für Arbeit und Qualifikation. Dies bedeutet neue Berufs- und Anforderungsprofile. Es lösen sich die alten Trennlinien zwischen Produktions-, Dienstleistungs- und Wissensarbeit auf und es entstehen neue Berufs-und Anforderungsprofile – in sehr viel höherer Dynamik als noch vor einigen Jahren. "Dieser Beschäftigungswandel erfordert Qualifikation und Weiterbildung", betonte Hofmann.

Politik und Arbeitgeber sind gefordert
„Als Metallerinnen und Metaller leisten wir schon heute unseren Beitrag. Klar ist daher auch: Es muss was passieren! Politik und Arbeitgeber müssen handeln! Sonst droht eine Spaltung der Gesellschaft in viele Verlierer und Gewinner. Wir wollen, dass es gerecht zugeht, für alle! Dazu brauchen wir auch in Zukunft eine innovative Industrie und gute Arbeit“, fasste Jörg Hofmann zusammen.

Wie verändert die Digitalisierung die Beschäftigung?
Professor Dr. Jens Südekum von der Uni Düsseldorf berichtete in seinem Vortrag von den Beschäftigungseffekten der Digitalisierung in Deutschland. Er hatte seit 1994 den Einsatz von Industrie-Robotern in Deutschland untersucht. Er stellte fest: Durch Umschulung, Weiterbildung und andere Maßnahmen habe der Arbeitsmarkt die Entwicklung glimpflich abgefedert. Viele betroffene Beschäftigte blieben bis zur Rente im Unternehmen mit anderen Aufgaben. Allerdings seien die Löhne nicht im gleichen Maße gestiegen wie die Produktivität. Die Gewerkschaften haben eine wichtige Rolle gespielt in dem Veränderungsprozess.

Für die heute anstehenden Veränderungen wies Südekum auf den Gegenspieler Demografie hin. Von den 47 Millionen Erwerbspersonen 2019 seien 2060 nur noch rund 30 Millionen Menschen am Arbeitsmarkt. Sein Fazit: „Wir müssen über eine massive Investitionsstrategie in Aus- und Weiterbildung diskutieren.“

"Unterschiede in der Gesellschaft nehmen zu"
Professor Dr. Klaus Dörre von der Universität Jena wies darauf hin, dass die Unterschiede in unserer Gesellschaft stark zunehmen. Seine Forderungen an die Politik: Zum einen eine beschäftigungsnahe Industriepolitik. Zum anderen sieht Dörre die Gewerkschaften als gesellschaftspolitischen Motor. Er zitierte den sozial-ökologischen Green New Deal, der in den USA von der demokratischen Sozialistin Cortez gefordert wird. „Darum müssen wir in Europa kämpfen, um die Rechtspopulisten in ihre Schranken zu weisen. Mit Tempo!“, sagte er.

Podiumsdiskussion
In einer Podiumsdiskussion mit Jörg Hofmann, Klaus Dörre, Jens Südekum und Jens Köhler, Betriebsratsvorsitzender im BMW-Werk in Leipzig, wurde diskutiert, wie in Aus- und Weiterbildung investiert werden soll und kann. „Wir müssen mehr in die Menschen investieren“, sagte Jens Köhler zu Beginn. Er forderte unter anderem, dass deutsche Autobauer ihre Batterien auch in Deutschland entwickeln und bauen.

Jörg Hofmann mahnte die Verantwortung und konkrete Maßnahme-Pakete der Unternehmen bei der Batterie-Produktion an. In der Diskussion wurde an den Ausstieg aus der Steinkohle erinnert. Ein Prozess, der 42 Jahre gedauert hat. Allerdings, erinnerte Jörg Hofmann, gebe es heute einen gespaltenen Arbeitsmarkt mit Werkverträgen, Leiharbeit und befristeten Jobs.

Angleichung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Ost- und Westdeutschland
Jens Köhler betonte, dass gerade die Menschen im Ostdeutschland mit radikalem Strukturwandel in den vergangenen 29 Jahren umgehen mussten. „In den Gebieten im Osten fordern die Menschen endlich die Gleichheit der Arbeits- und Lebensbedingungen ein. Hier arbeiten die Menschen immer noch drei Stunden mehr in der Woche. Das ist ein ganzer Monat im Jahr und auf ein Arbeitsleben umgerechnet sind das drei Jahre. Die Leute haben das satt. Wir gehen das jetzt gemeinsam an. Dafür müssen wir uns organisieren und bewegen.“

Klaus Dörre lobte den Transformationsatlas der IG Metall, mit dem derzeit in den Betrieben der Stand der Dinge bei der Transformation erhoben wird. „Wenn wir über das Produzentenwissen verfügen, haben wir eine strukturelle Macht“, sagte er. „Gewerkschaften haben eine große Chance, Einfluss zu nehmen.“ Er betonte, dass die Menschen im Osten das Gefühl hätten, nach 30 Jahren immer noch in der Schlange am Berg der Gerechtigkeit anzustehen. „Nach 10 Jahren der Prosperität hängen wir im Osten immer noch hinter dem West-Niveau. Das schafft Unmut. Die Leute fühlen sich abgekoppelt.“

Die Teilnehmenden waren sich einig: Insgesamt ein gelungener und sehr anregender Austausch von Gewerkschaft und Wissenschaft.