Zukunft der Halbleiterindustrie im Blick

Branchentagung der IG Metall in Regensburg setzt klare Impulse und nimmt den EU Chips Act in den Fokus 

03.12.2025 | Auf unserer Branchentagung der Halbleiterindustrie diskutierten Ende November über 50 Betriebsräte aus 19 Betrieben mit Politik, Wissenschaft und Verbänden. Im Mittelpunkt standen die Rückverlagerung von Produktionsschritten nach Europa, der Fachkräftemangel und die Chancen von Künstlicher Intelligenz.

Eine Besichtigung bei Infineon in Regensburg war wichtiger Teil der Halbleitertagung. Foto: IG Metall

Mit über 50 Teilnehmenden aus 19 Betrieben war die diesjährige Branchentagung der Halbleiterindustrie stark besetzt. Drei Tage lang diskutierten Betriebsräte über Mitbestimmung, Fachkräftesicherung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und kamen mit Wissenschaftler:innen, Politik und Verbänden ins Gespräch 

Ein zentrales Thema war die Stellungnahme zum EU Chips Act 2.0*. Die Teilnehmenden betonten, dass es wichtig sei, komplette Lieferketten nach Europa – und möglichst nach Deutschland – zurückzuholen bzw. aktuelle Verlagerungen, z.B. von Backend-Fertigung aufzuhalten. Gleichzeitig betonten in einer abendlichen Diskussionsrunde Dr. Sven Baumann (ZVEI) und Dr. Patricia Callies (Bayerisches Wirtschaftsministerium), dass das Ziel von 20 % Marktanteil der EU in der Halbleiterindustrie ambitioniert und derzeit kaum erreichbar sei. Aktuell liegt Europa bei rund 8 % des globalen Umsatzes. Trotz dieser Einschätzung bekräftigten die Teilnehmenden, dass es notwendig sei, zumindest an einem ambitionierten Ziel festzuhalten. Autarkie sei zwar in weiter Ferne, doch eine stärkere Unabhängigkeit von Asien müsse erreicht werden. „Ein Chip reist in seiner Entstehung zweimal um die Welt – er hätte einen Superior Status im Flugverkehr“, erklärte Sven Baumann pointiert. Horst Ott, IG Metall Bezirksleiter Bayern, machte deutlich, dass es den Beschäftigten nicht vermittelbar sei, warum Unternehmen staatliche Fördermittel für neue Fabriken erhalten, während bestehende Standorte vernachlässigt und ohne Zukunftsinvestitionen bleiben – obwohl diese Subventionen letztlich aus Steuergeldern stammen.  

Passend dazu stellte das IMU-Institut Berlin eine Branchenanalyse vor, die die strategische Bedeutung einer Rückverlagerung von Produktionsschritten nach Europa unterstrich. Zwar sei dies kostenintensiv, doch aus Gründen der Resilienz und Versorgungssicherheit sinnvoll. 

Auch der Fachkräftemangel beschäftigte die Tagung. Vertreter:innen aus zwei Betrieben brachten die Perspektive der Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) ein. Diskutiert wurde die Attraktivität der Ausbildung und die Frage, welche Maßnahmen die Politik plant, um den prognostizierten Fachkräftebedarf zu decken. Dr. Patricia Callies nahm die Fragen der Teilnehmenden auf und verwies auf laufende Initiativen. 

Ein besonderer Programmpunkt war die Betriebsführung bei Infineon Regensburg, die vom dortigen Betriebsratsgremium organisiert wurde. Die Teilnehmenden erhielten direkte Einblicke in die Produktionsabläufe und die Herausforderungen vor Ort. Dabei wurde deutlich, wie Mitbestimmung konkret umgesetzt wird – insbesondere bei Betriebsänderungen, Interessenausgleich und Sozialplänen.  

Das Projekt AISSI präsentierte Ansätze für eine effizientere Produktionsplanung durch Künstliche Intelligenz. Christophe Senger vom Karlsruher Institut für Technologie machte deutlich, dass technologische Innovationen nur dann erfolgreich sind, wenn die Rechte der Beschäftigten bei der Einführung neuer Systeme gewahrt bleiben. 

Ein besonderer Dank gilt den Betriebsratsmitgliedern von Infineon Regensburg, die mit großem Engagement die Betriebsführung ermöglicht und den Teilnehmenden wertvolle Einblicke in die Praxis gegeben haben. Ihre Offenheit und die anschaulichen Beispiele machten die Exkursion zu einem Höhepunkt der Tagung. 

[* Die IG Metall begrüßt die Überarbeitung des Europäischen Chips Act und fordert, dass sie die technologische Souveränität Europas stärkt, hochwertige Arbeitsplätze schafft und soziale sowie ökologische Standards sichert. Dazu gehört die Rückverlagerung möglichst vieler Produktionsschritte nach Europa. Dabei mussöffentliche Finanzierung an Beschäftigungszusagen, Tarifbindung und die Existenz einer Arbeitnehmervertretung gekoppelt sein. Auch Umweltauflagen wie Wasserrecycling und der Einsatz erneuerbarer Energien sollten zur Bedingung für künftige Subventionen gemacht werden. Ziel ist eine widerstandsfähige Halbleiterindustrie, die alle Teile der Wertschöpfungskette umfasst und Europa unabhängiger von globalen Lieferketten macht.] 

Von: jp/mr

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