Betriebsratswahlen 2026

Betriebsräte der IG Metall haben auch gesellschaftspolitische Fragen im Blick

09.03.2026 | Bei Infineon Dresden stehen die Betriebsratswahlen an. Bernhard Fischer ist seit über 30 Jahren im Betrieb, Vertrauenskörperleiter der IG Metall und kandidiert erneut für den Betriebsrat. Im Interview spricht er über gewerkschaftliche Motivation, konkrete Erfolge im Betrieb, aktuelle Konflikte rund um Arbeitsverdichtung und Personalabbau im Konzern – und warum es gerade jetzt starke Metaller im Betriebsrat braucht.

Bernhard Fischer, Vertrauenskörperleiter der IG Metall bei Infineon Dresden und Betriebsratskandidat für das Team IG Metall. (Foto: privat/IGM)

Bernhard, stell dich zum Einstieg kurz vor. Wer bist du und was machst du bei Infineon?
Bernhard: Ich heiße Bernhard Fischer und bin seit Mai 1995 bei Infineon Dresden (vormals Simec) – also seit den Anfängen, als die Fabrik im Grunde noch leer war. Ich bin gelernter Industriemechaniker, habe 20 Jahre in der Waferinspektion gearbeitet und bin seit 2015 im Wafer-Test eingesetzt.
Bis heute arbeite ich im Kontischichtsystem, bin aber aktuell zu 50 Prozent als Betriebsrat freigestellt. Ich bin auch Vertrauenskörperleiter der IG Metall und seit vielen Jahren im Betriebsrat aktiv. Außerdem bin ich betrieblicher Delegierter der IG Metall und engagiere mich klar gegen Rassismus und für das Verbot aller faschistischer Parteien und Organisationen.

Was motiviert dich, dich seit so vielen Jahren gewerkschaftlich und im Betriebsrat zu engagieren – und jetzt wieder zu kandidieren?
Bernhard: Meine Grundüberzeugung ist: Belegschaften sind nur dann wirklich durchsetzungsfähig, wenn sie gut gewerkschaftlich organisiert sind. Ob es um Tarifverträge, bessere Arbeitsbedingungen, Löhne oder Schichtsysteme geht – ohne eine starke IG Metall an der Seite läuft am Ende nichts.
Dazu kommt die politische Entwicklung. Wir erleben weltweit, auch in Europa und in Deutschland, eine massive Rechtsentwicklung und eine Breitseite von Angriffen auf unsere Rechte, wie den 8‑Stunden-Tag. Umso wichtiger ist es, dass wir in den Betrieben klare Kante zeigen und verhindern, dass rechte oder faschistische Strukturen dort Fuß fassen. Dazu gehört vor allem auch geduldige Überzeugungs- und Bildungsarbeit – ich bin überzeugt, dass wir viele Leute wieder für uns gewinnen können.

Wenn du auf die vergangenen Jahre zurückblickst: Welche Erfolge des Betriebsrats sind für dich besonders wichtig?
Bernhard: Ich will zwei Dinge vorausschicken: In der Chipindustrie ist Kontischichtarbeit bisher Standard. Und viele dieser Betriebe haben es leider lange Zeit geschafft, den Einfluss von Gewerkschaften klein zu halten. Vor diesem Hintergrund ist ein zentraler Erfolg unser heutiges Kontischichtsystem. Schichtarbeit ist gesundheitsschädlich, das muss man klar sagen. Nach einem harten Kampf haben wir ein 12‑Stunden-Schichtmodell beerdigt und ein 6/4‑Modell à 8 Stunden durchgesetzt: zwei Früh-, zwei Spät-, zwei Nachtschichten, danach vier Tage frei.
Das war ein großer Fortschritt, den wir als IG Metall maßgeblich erkämpft haben. Das hat für deutlich mehr Planbarkeit und Entlastung gesorgt. Dass dieses Modell inzwischen auch bei anderen Unternehmen in Dresden übernommen wurde, zeigt, dass wir da etwas Richtiges erkämpft haben.

Welche Themen beschäftigen die Kolleginnen und Kollegen aktuell besonders?
Bernhard: Da gibt es mehrere große Baustellen. Ein zentrales Thema ist die Angleichung Ost und West. Das sitzt bei vielen tief – bei Jüngeren genauso wie bei denen, die das seit Jahrzehnten erleben. Längere Jahresarbeitszeiten, niedrigere Einkommen, trotz hoher Produktivität: Das wird als zutiefst ungerecht empfunden.
Ein weiteres großes Problem ist die Arbeitsverdichtung. Infineon hat staatliche Subventionen in Milliardenhöhe bekommen und öffentlich den Aufbau von 1.000 Arbeitsplätzen angekündigt. Tatsächlich werden aber gerade offene Stellen nicht nachbesetzt, während gleichzeitig mit Automatisierung und KI Programme laufen, die hunderte Arbeitsplätze einsparen sollen. Das Ergebnis ist klar spürbar: mehr Output mit weniger Leuten. Das geht immer zulasten der Belegschaft.

Gibt es bestimmte Beschäftigtengruppen, die ihr besonders im Blick habt?
Bernhard: Durchaus – Bei den Auszubildenden stehen wir zwar bei der Ausbildungsquote aktuell ganz ordentlich da, aber es gibt keine verbindliche Regelung zur Übernahme. Weder tariflich noch per Betriebsvereinbarung. Das ist aus unserer Sicht ein klarer Handlungsauftrag.
Ein weiteres Thema ist die Situation von Kolleginnen. Die Frauenquote im Betrieb ist gesunken, während Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Schichtarbeit immer schwieriger wird. Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz von Lifestyle-Teilzeit redet, ist das dreist. Statt Zerreißproben brauchen Familien geeignete Arbeitszeitmodelle und echte Entlastung – nicht nur schöne Worte.
Und natürlich bleibt die Arbeitszeitverkürzung ein zentrales Thema. Angesichts der steigenden Produktivität und dem Arbeitsplatzabbau in vielen Betrieben wäre eine 30‑Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich längst überfällig. Das ist keine kurzfristige Betriebsratslösung, aber wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen.

Was wollt ihr mit Blick auf die Betriebsratswahl erreichen?
Bernhard: Wichtig ist, dass es wieder eine klare, gemeinsame gewerkschaftliche Stimme im Betriebsrat gibt. Die IG Metall-Mitglieder haben sich mehrheitlich für eine gemeinsame gewerkschaftliche Liste ausgesprochen. Das ist ein starkes Signal.
Inhaltlich setzen wir uns vom Team IG Metall besonders für die Mitgliedergewinnung und die Stärkung unserer Gewerkschaft ein. Außerdem wollen wir die Vernetzung in der Halbleiterbranche stärken und perspektivisch auf einen Branchentarifvertrag hinarbeiten.
Und ganz grundsätzlich: Wir wollen zeigen, dass Betriebsratsarbeit etwas mit Haltung, Solidarität und konkreten Verbesserungen im Alltag zu tun hat.

Das Interview führte Moritz Riesinger.

Hintergrund: Infineon Dresden
Infineon Technologies Dresden ist einer der größten Halbleiterstandorte Europas. Rund 4.000 Beschäftigte entwickeln und produzieren hier Mikroelektronik für Anwendungen in Industrie, Mobilität und Energie. Der Standort wächst stark: Mit einem großen Ausbauprojekt soll die Produktionsfläche verdoppelt werden – gleichzeitig stehen Fragen der Personalentwicklung, Arbeitszeit und Belastung zunehmend im Fokus der Belegschaft.

 

Von: mr

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