Eurotrip

Auf den Spuren europäischer Mitbestimmung

  • 27.05.2019
  • igm
  • Studierende/Hochschule, Jugend/Azubis

Europa konkret und zum Anfassen: Neun junge Menschen haben sich auf den Weg gemacht, sind durch Westeuropa gereist, haben mit Betriebsräten und Gelbwesten gesprochen, saßen mit italienischen Gewerkschaftern und Gewerkschafterinnen an einem Tisch. Das gemeinsame Video der Gruppe zeigt ein vielfältiges Bild von Europa. Im Interview sprechen die Berliner Metallerin Isabelle Gagel und der Berliner Metaller Raimund Meß über Reise, Eindrücke und die Ziele ihres gemeinsamen Projekts.

Isabelle Gagel und Raimund Meß berichten im Interview von ihrem Roadtrip. Alle Fotos: privat

Isabelle Gagel in Bologna vor einem feministischen Plakat

Mit dem Betriebsrat bei Airbus in Toulouse

Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen der italienischen UIL: Sie haben schon ihren Gegenbesuch in Berlin angekündigt.

Interview vor dem Europaparlament

Die Reisegruppe vor dem noch unversehrten Wahrzeichen Notre Dame

Bei den Gelbwesten in Toulouse

Ihr seid 16 Tage durch sieben Staaten und elf Regionen gereist, ermöglicht durch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Wie kam es zu dem Projekt?
Vor etwa einem Jahr während eines inspirierenden und entspannten Abends mit den Freunden vom Europäischen Kollektiv kam uns die Idee, einfach mal durch Europa zu reisen um wirklich auch mal mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Aus einer Idee mit Utopie-Charakter wurde im März Realität. Dank vieler außenstehender Sympathisantinnen und Sympathisanten haben wir es geschafft, dieses coole Konzept mit einer Mischung aus Spaß, Atmosphäre und spannenden Inhalten erfolgreich umzusetzen.

Bloße Reiselust oder politischer Anspruch – welche Idee steckt dahinter?
Als junge, ehrenamtlich aktive Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter treibt uns schon lange die Frage um, wie denn eine immer europäischer werdende Gesellschaft auch gerechter werden kann. Mit der Zeit mussten wir feststellen, dass das „weniger Europa!“ der Rechten und das "weiter so" der meisten anderen ein "anderes Europa!" der Progressiven mit seiner sozialen Seite verdrängt. Wie ein "anderes Europa" aber aussehen kann und was wir kulturell und demokratisch ändern müssen, wollten wir mit den Projektteilnehmenden herausfinden. Denn als Aktive ist uns bewusst, wie sehr es auf eine gute Kultur der Mitbestimmung ankommt – und dass wir jungen Europäerinnen und Europäer die Flucht nach vorn wagen können, es gemeinsam besser zu machen!

Wo habt Ihr überall Station gemacht?
Wir sind in Köln gestartet und dann über Maastricht, Brüssel, Paris und Toulouse nach Barcelona gereist. Von dort ging es nach Marseille, Sanremo, Bologna, Innsbruck. In München endete die Reise.

Euer Projekt überschreibt Ihr mit Mitbestimmung. Was war Euer Ziel?
Die Europäische Union befindet sich in einer wichtigen Umbruchphase. Dazu wollten wir möglichst viele Stimmen von politisch aktiven Menschen in unterschiedlichen Ländern einfangen, um darüber auch die unterschiedlichen Kulturen von Mitbestimmung beleuchten zu können. Diesen Austausch und die darüber entstandenen Interviews machen den Kern unserer Reise aus.

Welche Erfahrungen habt Ihr eingesammelt?
In Paris haben wir mit dem sehr engagierten 19-jährigen Landry Ngang gesprochen, der für das Europaparlament kandidiert. In Toulouse haben wir mit Menschen gesprochen, die sich als Gelbwesten engagieren. Das war durchaus ambivalent. Einerseits stehen sie für ein politisches Engagement, das sich auch nicht von Polizeigewalt und Repression aufhalten lässt. Andererseits gehen in Toulouse soziale und linke Kräfte mit Rechtspopulisten gemeinsam auf die Straße. Das hat uns schon überrascht.

"Ich habe bei vielen jungen Menschen eine tiefe Emotion für Europa wahrgenommen. Gemeinsam teilen wir die Einschätzung, dass junge Menschen viel zu wenig gehört werden."

Was habt Ihr über gewerkschaftliches Engagement erfahren?
Zuallererst, dass Gewerkschaften sich in anderen Ländern unterschiedlich organisieren. So gibt es in Deutschland Einzelgewerkschaften, die sich für ihre Branche engagieren, wie die IG Metall für die Metall- und Elektroindustrie. Ein solches Konstrukt ist den Menschen in Spanien, Italien oder anderen Ländern unbekannt. In Frankreich gibt es zum Beispiel keine gewerkschaftliche Jugendorganisation wie sie in Deutschland besteht. Wo sich aber Jugend nicht organisiert, kann sie sich weniger artikulieren.

Wie seid Ihr an Eure Interviewpartner gekommen?
Unterschiedlich. Mit einigen Gewerkschaftern oder Aktivistinnen haben wir bereits von Deutschland aus Kontakt aufgenommen und uns verabredet. Darüber hinaus haben wir mit vielen jungen Menschen auf der Straße gesprochen, zum Beispiel in Brüssel.

Was ist Euch besonders in Erinnerung geblieben?
Der Besuch bei den Gelbwesten in Toulouse war ein unglaublich aufregendes, aber auch ambivalentes Treffen. Begeistert waren wir von der Inbrunst des Aktivismus und dem Fakt, das Establishment nicht mehr einfach hinzunehmen. Kritisch sahen wir aber vor allem das Wunschkonstrukt eines Europas der Nationen, vereinzelt auch die Feindlichkeit Institutionen gegenüber, also zum Teil auch Gewerkschaften und das Zusammenstehen mit rechten, teils faschistischen Kräften für das „große Ganze“.

Besonders in Erinnerung geblieben ist uns auch das herzliche Treffen mit dem Gewerkschaftsbündnis UIL in Bologna. Obwohl Italien unter der Sparpolitik im besonderen von Deutschland und Frankreich in den letzten Jahren gelitten hat, glauben sie immer noch fest an ein gemeinsames Europa. Gerade für die jungen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, mit denen wir dort in Kontakt standen, sind Themen wie europaweite Netzwerktreffen rechter Gruppierungen und Parteien in ihrer Region Angst erregnede Entwicklungen. Die Europäisierung der Bildung beschäftigt heute immer noch. Und feindliche Politik gegenüber Minderheitsgruppen, wie die Ungleichbehandlung von Frauen in der Arbeitswelt oder rechte Demonstrationen in Verona gegen queere Menschen, sind große Herausforderungen der Kollegen und Kolleginnen.   

Wird das Projekt fortgeführt? Und gibt es schon Ansätze dafür?
In Bologna hat das UIL Gewerkschaftsbündnis uns am Ende unseres Austausches eine Partnerschaft angeboten und möchte uns gerne in Berlin besuchen kommen. Für uns als junge gewerkschaftlich Aktive bieten solche Angebote die Möglichkeit, sich über die nationalen Grenzen hinweg zu vernetzen und auszutauschen und gewerkschaftliche Themenfelder „europäisch zu denken“.

Was ist die Quintessenz Eurer Reise?
Wir haben bei vielen jungen Menschen eine tiefe Emotion für Europa wahrgenommen. Gemeinsam teilen wir die Einschätzung, dass junge Menschen viel zu wenig gehört werden. Wir registrieren, dass Rechtspopulisten und Rechtsradikale Regierungen übernehmen, Junge gegen Alte ausspielen, prekär Beschäftigte gegen Flüchtlinge. Sie säen Fremdenhass anstatt gute Arbeitsbedingungen einzuführen.

Was macht Ihr mit Euren Interviews?
Wir haben ein Video produziert, in dem unterschiedliche Menschen zu Wort kommen. Diesen Film haben wir bereits in Berlin und Hamburg gezeigt und anschließend mit den Menschen diskutiert. Im Herbst möchten wir eine gekürzte und überarbeitete Version des Films auf einem kleinen Dokumentarfilmfestival vorstellen, um dabei auch ein Publikum außerhalb der gewerkschaftlichen Bubble zu erreichen.

Was hat die Reise mit Euch persönlich gemacht?
Wir haben diese 16 Tagen als superspannend und intensiv erlebt. Wir sind die gesamte Strecke mit einem VW-Bus gefahren, haben uns Zimmer und Wohnungen geteilt, haben mit so vielen Menschen gesprochen, so viel erlebt. In allen bereisten Ländern haben wir Leute getroffen, die sich für ein soziales Europa stark machen, die für gerechte Bezahlung kämpfen und nach wie vor an ein gemeinsames, solidarisches Europa glauben und einsetzen. Das war schon großartig. Mit Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen der italienischen Arbeiterunion (Unione Italiana del Lavoro, UIL) haben wir uns die Köpfe heißgeredet. Sie werden uns im nächsten Jahr besuchen kommen. Darauf freuen wir uns heute schon.