Tarifeinigung im ostdeutschen Tischlerhandwerk

  • 14.09.2012
  • bg
  • Aktuelles, Tarif, Holz und Kunststoff

Fast zwei Jahrzehnte mussten die Tischler in Ostdeutschland ohne faire Tarifregelungen auskommen. Jetzt einigten sich am 12. September die IG Metall und die Tarifgemeinschaft für das Tischlerhandwerk der neuen Länder auf ein neues Tarifwerk. In der gesamten Branche können bis zu 32.000 Beschäftigte in Ostdeutschland vom Tarifabschluss profitieren.

Das völlig neue Tarifpaket beinhaltet ein Stufenplan der Einkommen, der innerhalb der nächsten 12 Monate für Gesellen 1.958 Euro im Monat (11,25 Euro/Std) vorsieht. Bereits ab Oktober 2012 erhält ein Facharbeiter 1.840 Euro, ab Januar 2013 1.894 Euro im Monat. Gleichzeitige beträgt der Mindestlohn für Helfer 8,50 Euro pro Stunde. Die Laufzeit der Einkommensregelung endet September 2014.

 

Die Arbeitszeit wird von 42 auf zunächst 40 und bis zum Jahr 2019 auf 38,5 Stunden abgesenkt. Innerhalb der Laufzeit wird stufenweise ein zusätzliches Urlaubsgeld in Höhe von 47 Prozent sowie ein anteiliges 13. Monatseinkommen in Höhe von 70 Prozent eines Monatseinkommens eingeführt. Im Jahr 2013 gibt es jeweils 20 Prozent.

 

Ein großer Erfolg ist die Anhebung für die Auszubildenden: Sie erhalten ab Oktober 2012 rund 100 Euro mehr, somit zwischen 460 Euro im ersten Ausbildungsjahr und 699 Euro im dritten Ausbildungsjahr pro Monat, ab Oktober 2013 zwischen 490 Euro und 744 Euro im Monat.

 

Die Tarifparteien haben eine Erklärungsfrist bis zum 15. Oktober 2012 vereinbart, innerhalb derer die Gremien jeder Seite zustimmen oder ablehnen können. Mit der langen Laufzeit ist die IG Metall Verhandlungskommission in sechs Verhandlungsrunden an die Grenzen des Vertretbaren gegangen. 30 Jahre nach dem Mauerfall muss die Angleichung der Tarifstandards beendet sein. Unmittelbar nach den Verhandlungen empfahl die Verhandlungskommision dem Vorstand der IG Metall die Annahme des Ergebnisse und schloss jegliche Nachverhandlungen aus.

 

 

Mit dem Ergebnis wird auch dem zunehmenden Fachkräfteengpass entgegen gesteuert und der Tischlerberuf wieder zukunftsfähig und attraktiv.

 

 

Olivier Höbel, IG Metall Bezirksleiter von Berlin-Brandenburg-Sachsen lobte den Abschluss und sagte: "Das ist ein guter Tag für das Tischlerhandwerk in Ostdeutschland. Das ist ein Ergebnis mit Augenmaß und finanziell verkraftbar. Die Tarifflucht der Arbeitgeber ist damit beendet. Das Tischlerhandwerk wird wieder zivilisiert und kehrt zu rechtssicheren Tarifverträgen zurück. Der Tischlerberuf ist mit den jetzt fair geregelten Arbeitsbedingungen wieder attraktiv und zukunftsfähig.“  

 

Hintergrund:

Seit der Fusion der GHK mit der IG Metall hatten die Arbeitgeber im Tischlerhandwerk mit einer „christlichen Gewerkschaft“ (GKH) Regelungen zur Absenkung der Einkommen vereinbart bei gleichzeitiger Ausweitung der Arbeitszeit. Bis dahin übliche tarifliche Leistungen wurde völlig abgeschafft. Im Ergebnis hatten die ostdeutschen Tischlermeister die Jahreseinkommen der Beschäftigten um rund 5.000 Euro abgesenkt. Die Gewerkschaftseigenschaft der GKH wurde durch ein Urteil des Landesarbeitsgerichts (LAG) Hamm vom September vergangenen Jahres aberkannt. Damit wurden diese Tarifverträge, mit denen ein beispielloser Kahlschlag in den Betrieben in Gang gesetzt wurde, rückwirkend unwirksam.

 

Das Tischlerhandwerk zählt bundesweit mit über 200.000 Beschäftigten zum viertwichtigsten Handwerksbereich und erwirtschaftet ca. 17 Mrd. Euro. In Ostdeutschland arbeiten rund 32.000 Beschäftigte in über 6.000 Betrieben, davon ca. 4.500 Beschäftigte in Berlin. (in Berlin gilt der Tarifvertrag nicht) Der Anteil der Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung ist mit 68 Prozent deutlich höher als in der Gesamtwirtschaft (60 Prozent).


Drucken Drucken