Beschäftigte wollen sich nicht ins Aus kicken lassen

Sorge um Zukunft von Neue Halberg Guss

  • 08.05.2018
  • igm
  • Aktuelles

Der Konflikt in den Gießereien der Neuen Halberg Guss in Saarbrücken und Leipzig eskaliert. In beiden Werken gab es diese Woche zwei Tage dauernde Betriebsversammlungen. Die rund 2150 Beschäftigten des traditionsreichen Autozulieferers wollen wissen, wie es mit ihren Betrieben und ihren Arbeitsplätzen weitergeht. Dabei setzen sie auch auf ihren Großkunden VW.

Archivfoto: IG Metall Leipzig

Auf über tausend angstvolle und vor allem wütende Gesichter hätten sie geblickt. Aber davor drückten sich die drei Manager der Gießerei Neue Halberg Guss (NHG) in Saarbrücken am Donnerstag lieber. Niemand aus der Geschäftsführung kam zur Betriebsversammlung und stand den vielen Beschäftigten, die sich um ihre Zukunft sorgen, Rede und Antwort und schaffte Klarheit, ob die Werke vor dem Aus stehen oder noch eine Zukunftsperspektive haben.

 

Aus schlechter Erfahrung in Sorge

In den beiden Schwesterbetrieben in Sachsen und dem Saarland brodelt es, seit die Geschäftsleitung in Saarbrücken im April Lieferungen an den Hauptabnehmer Volkswagen vorübergehend stoppte. Angeblich hatte VW Rechnungen in Millionenhöhe nicht bezahlt. NHG stellt in Saarbrücken Motorblöcke für den Autokonzern her, in Leipzig Zylinderköpfe. Seit dem Lieferstopp geht bei den Beschäftigten die Angst um, dass ihr Arbeitgeber das gleiche Spiel treibt, dass er 2016 schon mit anderen Tochterfirmen gespielt hat - und bei dem am Ende die Beschäftigten die Verlierer waren.

 

Nach Lieferboykott Kündigungen

Die Neue Halberg Guss gehört seit Januar zum Unternehmen Prevent der Familie Hastor. Der Investor ist 2016 in die Schlagzeigen geraten, als er mit einem Lieferboykott versuchte, seinen Kunden Volkswagen unter Druck zu setzen. In dem Streit ging es um Preise und Auftragsvolumina. Betroffen waren zwei Preventtöchter: der Sitzehersteller Car Trim und der Getriebelieferant ES Automobil Guss - beides Unternehmen mit Standorten vor allem in Sachsen. Zeitweise stand bei VW die Produktion still. Zwar einigten sich die Kontrahenten und es wurde wieder geliefert, aber VW sah sich nach Alternativen um und kündigte die Verträge mit Prevent 19 Monate später. Bei ES Guss in Schönheide im Erzgebirge, wo 300 Menschen beschäftigt sind, drohen jetzt Entlassungen, Verhandlungen über Sozialpläne laufen schon. Auch die Arbeitsplätze der fast 1000 Beschäftigten von Car Trim sind in Gefahr. Mit Klagen vor Gerichten versucht Prevent, VW zu zwingen, weiter Teile aus Schönheide abzunehmen. Das Landgericht in Leipzig will am 11. Mai darüber entscheiden. Prevent kündigte außerdem Klagen gegen VW auf Schadensersatz in Milliardenhöhe an.

 

Der neue Zoff mit VW

Jetzt droht ein ähnliches Trauerspiel bei den Preventtöchtern Neue Halberg Guss. Prevent streitet mit VW - und auch Daimler - um Preise und Aufträge; diese beiden Autokonzerne sind die wichtigsten Kunden; ihre Aufträge machen rund 70 Prozent des gesamten Produktionsvolumens von NHG aus. Im März hatte das Management sich von den Krankenkassen eine Stundung der Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung genehmigen lassen. Hintergrund hierfür war wohl die Ablösung der laufenden Bankkredite. Gegenüber den Beschäftigten räumte die Geschäftsleitung inzwischen ein, dass weder in Leipzig noch in Saarbrücken alle Arbeitsplätze gesichert seien. Steht NHG vor der Insolvenz? Um Geld zu beschaffen, fordert das Unternehmen von VW jetzt bis zu zehnfach erhöhte Preise und begründet das damit, es seien "Auslaufpreise". VW habe die Verträge zum Sommer gekündigt. Volkswagen bestreitet das.

 

Die Masche von Prevent

"Die Geschäftspolitik von Hastor ist, Autozulieferbetriebe, die am Rande der Insolvenz stehen, billig zu kaufen, dann die Kunden, also die großen Autohersteller, zu erpressen und mit Klagen zu überziehen, in der Zwischenzeit die Gewinne abzuschöpfen und eine Hülle mit Beschäftigten ohne Eigenkapital und Überlebensfähigkeit zurückzulassen", wirft Patrick Selzer von der IG Metall in Saarbrücken dem Unternehmer vor. In der öffentlichen Auseinandersetzung ist es Hastors Masche, den Spieß umzudrehen und sich gängige Vorwürfe zunutze zu machen. Diese besagen, dass die großen Autokonzerne die Abhängigkeit der Zulieferer von ihnen missbrauchen, um sie zu knechten und die Preise so zu drücken, dass sie kaum überlebensfähig sind. "Wir glauben nicht, dass es mit diesem Eigentümer eine verlässliche Zukunft geben kann", sagt Frank Iwer, Automobilexperte beim Vorstand der IG Metall.


Es verfestigt sich stattdessen der Eindruck, dass die Eigentümer hier nur schnell Millionen abschöpfen wollen und dabei auch bereit sind, verbrannte Erde zu hinterlassen. Fest steht: Die Opfer sind immer die Beschäftigten. "Wir bei Neue Halberg Guss werden alles daran setzen in dem Machtspiel zwischen zwei großen Playern nicht zerrieben zu werden", sagt Bernd Geier, der Betriebsratsvorsitzende in Saarbrücken. Denn die Erfahrungen mit Car Trim und ES Guss haben gezeigt: Der Player VW lässt sich nicht ewig erpressen, sondern kann auf Dauer Alternativen aufbauen. Käme es wieder so, wäre das für die Beschäftigten der NHG-Gießereien die Katastrophe. "Ohne VW sähe unsere Zukunft ganz schwarz aus", sagt Betriebsrat Geier. Zwar soll VW Signale ausgesandt haben, bereit zu sein, weiter Aufträge an die NHG zu vergeben, aber nicht mit dem Eigentümer Prevent.

 

VW hat auch Verantwortung

"Wir werden alles tun, um die Entwicklung so zu lenken, dass unsere Kolleginnen und Kollegen bei Neue Halberg Guss ihre Arbeitsplätze behalten", kündigt Metaller Patrick Selzer an. Sowohl in Leipzig als auch in Saarbrücken haben die Beschäftigten schon mit Straßenblockaden und Aktionen gezeigt, dass sie nicht die Spielbälle in einem miesen Spiel sein wollen, bei dem sie am Ende ins Aus gekickt werden. "Wir stellen uns auf mehrmonatige Auseinandersetzungen ein", sagt Bernd Kruppa von der IG Metall Leipzig. Die Beschäftigten wollen kämpfen. Und setzen dabei auf die anderen großen Player. "Wir sehen auch die Autohersteller, vor allem VW, in der Verantwortung, einen Weg zu ebnen, der Perspektiven für unsere Standorte und Beschäftigten bietet", sagt Betriebsrat Bernd Geier.


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