Qimonda Dresden kündigt Lieferabkommen mit Infineon: IG Metall-Betriebsräte schlagen Alarm

  • 10.12.2007
  • md
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Schlechte Nachricht aus Sachsens "Silicon Valley": Nachdem der Chiphersteller Qimonda ein Abkommen über die Lieferung von Speichern mit Infineon gekündigt hat, stehen nun bis zu 600 Arbeitsplätze auf der Kippe, kritisierten die IG-Metall-Betriebsräte beider Firmen am Montag. Nach dem Willen der Geschäftsführungen von Infineon und Qimonda sollen vor allem Leiharbeitskräfte von Entlassung bedroht sein. Hätten alle Mitarbeiter einen unbefristeten Arbeitsvertrag und gäbe es keine Möglichkeit, einer Sozialauswahl und der Zahlung von Abfindungen auszuweichen. Wäre dann die unternehmerische Entscheidung wohl die gleiche gewesen?, fragen die Betriebsräte der IG Metall. Es stelle sich auch die Frage, ob der jetzt geplante Personalabbau nur ein weiterer Schritt des Infineonkonzerns sei, sich aus dem europäischen Produktionsraum und damit aus Dresden zu verabschieden.

 

Seit vielen Jahren werde die Personalplanung nach der „Scheibchentaktik“ betrieben, heißt es in einer Erklärung der Betriebsräte. Seit dem Jahr 2000 wurden Beschäftigte zum großen Teil nur noch befristet für zwei Jahre eingestellt - gegen den Widerstand der IG-Metall-Betriebsräte, die in den Unternehmen nur knapp die Mehrheit in den Interessenvertretungen der Beschäftigten verfehlt hatten. 2002 verloren zahlreiche unbefristet Beschäftigte ihre Jobs, die sofort mit überwiegend befristet Eingestellten besetzt wurden.  

Viele Kollegen waren zuerst für zwei Jahre bei Infineon angestellt und danach für 2 Jahre bei SC300 oder umgekehrt. Danach gab es am Standort Dresden keine weitere Möglichkeit mehr, diese Kollegen weiter zeitlich befristet einzusetzen. Nun machten sich die Arbeitgeber die Novellierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes zunutze und schoben die Mitarbeiter, deren Verträge ausliefen, in die Leiharbeitsfirmen ab. Auf diesem Wege wurden einige hundert Arbeitsplätze über mehrere Jahre in Leiharbeitsverhältnisse umgewandelt.

 

 

Im Jahr 2005 vereinbarte die Betriebsleitung mit dem damaligen Betriebsrat die Einführung des 12-Stunden-Schichtsystems, damit kommende Auftragsschwankungen über flexible Arbeitszeitkonten abgefangen werden können. Zuletzt wurde bei Infineon Dresden der Null-Durchlauf für diese Arbeitszeitkonten ausgesetzt. Hunderte Schichtarbeiter – Festangestellte wie Leiharbeitnehmer - arbeiteten mit zum Teil wenigen Freischichten, um sich ein Zeitpolster für schlechte Zeiten anzulegen.

 

 

Und was wird nun daraus?

 

 

Der Münchner Infineon-Vorstand hat beschlossen, dass die Zahl von 7500 Waferstarts für Logik mittelfristig nicht erhöht werden soll, auch wenn dafür momentan Absatzmöglichkeiten bestünden. Stattdessen fallen eben 600 Arbeitsplätze weg. Wie phantasielos! Nein, etwas Phantasie gehört schon dazu, sich auf  die Teilung der Restruktuierungskosten mit Qimonda zu besinnen und sich gleich noch kostenlos 300 fest angestellter Mitarbeiter zu entledigen. Damit hat man sich für die billigste Variante entschieden. Wo bleibt der Wille, die Linie weiter mit Logik zu füllen und Verantwortung für seine Belegschaft zu übernehmen?

 

Diese Verantwortung legt man jetzt vertrauensvoll in die Hände der Verleihfirmen und von Qimonda. Das ist billiger als ernsthafte Anstrengungen zur Auftragsbeschaffung und notwendige Investitionen. Kein Gedanke wird verschwendet an nachhaltig beschäftigungssichernde Maßnahmen.

 

Das ganze lässt nur einen Schluss zu: Im Zuge der Hartz-Reformen ist das Freisetzen von Arbeitskräften zu billig geworden. Soziale Verantwortung müssen Arbeitgeber in nicht mehr allzu hohem Maße tragen. 

 

300 Leiharbeiter sollen ihre doch angeblich nicht dauerhaften Arbeitsplätze für die Kollegen von Infineon räumen. Diese müssen geschult werden, das kostet Geld. Die Lücke, die ein erfahrener Qimonda-Leiharbeiter reißt, werden diese Mitarbeiter dennoch nicht sofort schließen können. Das gibt naturgemäß Reibungsverluste. Bei Qimonda gibt es derzeit über 100 befristet Beschäftigte, für deren Einstellung der Qimonda-Betriebsrat vor weniger als einem Jahr gekämpft hat. Da die Anzahl der Arbeitsplätze bei Qimonda gleich bleibt, sitzt er nun zwischen den Stühlen: welcher Mitarbeiter wird bleiben und welcher nicht? Es ist falsch zu glauben, dass jeder Mitarbeiter – ob Leiharbeiter oder nicht, Operator, Instandhalter oder Ingenieur – ersetzbar ist. Auch lassen sich die einzelnen Beschäftigtengruppen nicht mehr so leicht gegeneinander ausspielen nach dem Motto „Es Betrifft ja nur die anderen“. Nach Jahren gemeinsamer Arbeit fühlt jeder fest Angestellte mit seinen Kollegen von der Leiharbeit und so manch einer weiß auch noch, wie leicht er selbst beinahe in der Leiharbeit gelandet wäre. Das geplante Vorgehen der beiden Arbeitgeber wird nicht ohne Auswirkungen auf die Qimonda-FAB-Ziele bleiben können.

 

Bleibt zu überlegen, ob das Geld, das für die Restrukturierungsmaßnahmen aufgewendet werden muss, nicht besser für notwendige Investitionen bei Infineon angelegt wäre.

 

 

 

 


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