IG Metall-Aktionstag

Weckruf an Politik und Arbeitgeber: Beschäftigte demonstrieren für ihre Zukunft

  • 29.10.2021
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  • Aktuelles

Das Berliner Regierungsviertel zeigte in den Morgenstunden des 29. Oktober Farbe: rot – IG Metall-rot. Mehrere Hundert Metallerinnen und Metaller aus den Betrieben im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen setzten mit einem Aktionstag und einem industriepolitischen Frühstück an der Spree ein eindrucksvolles Zeichen in Richtung Koalitionsgespräche. Ihre Botschaft an die Politikerinnen und Politiker, die derzeit über die Zukunft entscheiden: „Wir wollen den notwendigen Wandel zu einer klimafreundlichen Industrie mitgestalten. Sozial. Ökologisch. Demokratisch.“

Mehrere Hundert Metallerinnen und Metaller demonstrierten im Berliner Regierungsviertel für einen fairen Wandel.

Beschäftigte aus dem ganzen Bezirk waren nach Berlin gereist, um Druck auf die Politik zu machen.

Laut und sichtbar – zu Wasser und zu Land waren die Forderungen der IG Metall an die Koalitionsverhandlungen zu hören und zu sehen.

Jörg Hofmann diskutierte mit Hubertus Heil (Bildmitte) und Norbert Walter-Borjans.

Bezirksleiterin Birgit Dietze moderierte den Aktionstag im Berliner Regierungsviertel.

Mit Abstand und Maske machen sich Metallerinnen und Metaller für den Erhalt ihrer Standorte und ihrer Arbeitsplätze stark.

Die Botschaft ist eindeutig: Fairer Wandel ist nur mit der IG Metall möglich! Fotos: Christian von Polentz/transitfoto.de

Vier Schiffe schipperten über die Spree mit klaren Botschaften an Politik und Arbeitgeber. Foto: Gabriele Senft

Keine faulen Kompromisse: In der Nacht vor dem Aktionstag war am Kanzleramt deutlich zu lesen, was die Kolleginnen und Kollegen von der zukünftigen Regierung erwarten. Foto: Christian von Polentz/transitfoto.de

Rote IG Metall-Fahnen, Transparente und Banner hatten die Kolleginnen und Kollegen mitgebracht, um zwischen Reichstagsgebäude und Paul-Löbe-Haus direkt an der Spree für einen fairen Wandel zu demonstrieren. „Es geht um unsere Zukunft: Transformation nur mit uns“ war auf den Bannern im Regierungsviertel zu lesen und „Ohne Stahl gehen bei uns die Lichter aus“ oder „Transformation zum grünen Stahl sichert die Region“. Dazu schipperten vier thematisch geschmückte Schiffe – Automobil, Stahl, Schiene und Jugend – schon früh am Morgen über die Spree und machten die Forderungen der IG Metall an die Politik weithin sichtbar und lautstark vernehmbar – obwohl coronabedingt nur rund 100 Metallerinnen und Metaller aus den unterschiedlichen Branchen mit an Bord waren.Sie alle eint die Sorge um ihre Zukunft. Hunderttausende von Arbeitsplätzen stehen in der Transformation auf dem Spiel.

„Wir mischen uns ein für tragfähige Perspektiven, für eine klimagerechte Industrie, für zukunftsfähige, gute und sichere Arbeitsplätze – und zwar hier in Deutschland –, für die Qualifizierung der Beschäftigten, für eine qualitativ hochwertige Ausbildung der zukünftigen Fachkräfte und eine aktive Industriepolitik. Transformation gelingt nur mit den Menschen“, erklärte Birgit Dietze, Bezirksleiterin der IG Metall in Berlin-Brandenburg-Sachsen, warum die IG Metall zum Aktionstag aufgerufen hatte.

Weckruf an Politik und Arbeitgeber
„Wir stehen vor entscheidenden Jahren in unserer Industrie. Wir brauchen jetzt klare Planungssicherheit nach vorne und vor allem: Wir brauchen Sicherheit für die Beschäftigten“, sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall. „Dieser Weckruf an die Politik und an die Arbeitgeber ist bitter notwendig, denn es werden jetzt die Weichen gestellt für die Zukunft. Unser Ziel ist modernes, nachhaltiges Wirtschaften bei gleichzeitig starkem sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Es geht uns um Aufbruch und Perspektiven für alle. Wir wollen Zukunft für den Industriestandort Deutschland. Dafür stehen wir hier.“   

Beschäftigte und Politik im Austausch
Aus dem ganzen IG Metall-Bezirk waren die Kolleginnen und Kollegen in aller Frühe angereist, um ihre Forderungen direkt an die Verantwortlichen zu platzieren. Denn mit Norbert Walter-Borjans, Parteivorsitzender der SPD, Hubertus Heil, kommissarischer Bundesminister für Arbeit und Soziales, und Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer Bündnis 90/Die Grünen, waren gleich drei Politiker der Einladung zum industriepolitischen Frühstück und Gespräch auf der Kundgebungsbühne gefolgt, die bei den Koalitionsverhandlungen von SPD, Grünen und FDP mit am Tisch sitzen. Mit Thomas Heilmann (CDU) und Amira Mohamed Ali (Die Linke) stellten sich zudem auch ein Vertreter und eine Vertreterin, die in der neuen Legislaturperiode voraussichtlich in der Opposition sitzen werden, den Fragen der Metallerinnen und Metaller.

Dass die Transformation längst in vollem Gange ist, belegten eindrucksvolle Statements von Beschäftigten aus den Betrieben. Patric Succo (Vertrauenskörperleiter Mercedes Benz Berlin), Dennis Demir (stellvertretender VK-Leiter bei Mercedes Benz), Günter Augustat (Betriebsratsvorsitzender Siemens Gas and Power Berlin/Huttenstraße und Konzernbetriebsratsvorsitzender), Vadim Stroka (VK-Leiter Arcelor Mittal Eisenhüttenstadt), Rene Straube (Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Alstom/ehemals Bombardier), Philip Salomon (Jugend- und Auszubildendenvertretung bei VW in Chemnitz) und Carolin Meyfahrt (VK-Mitglied bei Arcelor Mittal) berichteten aus ihren Betrieben. Sie machten deutlich, wo der Schuh drückt, welche Existenzängste die Kolleginnen und Kollegen in vielen Betrieben aktuell durchleben, und was notwendig ist, um die Transformation für alle zum Erfolg zu führen.

„Das verlangt zwingend Investitionen in die Standorte, wo heute produziert wird. Investitionen, die nicht scheitern dürfen an der Schuldenbremse oder an betriebswirtschaftlichem Kalkül“, zog IG Metall-Vorsitzender Jörg Hofmann ein Fazit aus den Beispielen, die die Kolleginnen und Kollegen berichtet hatten. „Es muss Schluss sein mit abstrakten Zielsetzungen, wir wollen konkretes Handeln für die Perspektive unserer Arbeitsplätze an den Standorten, wo wir heute arbeiten.“

Investionen in die Zukunft
Die IG Metall bis 2030 öffentliche Zukunftsinvestitionen in Höhe von mindestens 500 Milliarden Euro für Zukunftstechnologien und den Ausbau einer modernen Infrastruktur, den Verzicht auf Stellenabbau in der Transformation, eine tragfähige Perspektive für zukunftsfähige Arbeitsplätze vor Ort statt Verlagerungen ins Ausland sowie eine Qualifizierungsoffensive für Beschäftigte und sichere und gute Ausbildung für die junge Generation.

Norbert Walter-Borjans, SPD-Vorsitzender, versicherte den Kolleginnen und Kollegen, dass sich alle drei Parteien, die derzeit die zukünftige Regierungskoalition verhandeln, darin einig seien, dass es „massive Investitionen geben muss in Infrastruktur, in Energiewende, in Digitalisierung, in Ladesäulen, in Entwicklung von neuen Technologien. Wenn wir das nicht machen, dann schmieren wir ab. Das darf nicht passieren“, sagte Norbert Walter-Borjans, „denn die Industrie ist die Stütze Deutschlands und unseres Wohlstands.“ Diese Investitionen dürften aber nicht einhergehen mit Sozialabbau. „Das darf nicht bezahlt werden, indem wir Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einschränken, dass es weniger Löhne gibt. Wir müssen die Kaufkraft unserer Beschäftigten stärken, weil sie auch die Stütze unserer Wirtschaft auf der Nachfragseite sind“, so der SPD-Vorsitzende.

„Weg in die Weiterbildungsrepublik“
Wie wichtig die Qualifizierung der Beschäftigten für eine gelingende Transformation ist, hob Hubertus Heil hervor. „Wir wollen, dass Menschen sich vor morgen nicht fürchten müssen und deshalb müssen wir Brücken bauen in die Zukunft, durch Qualifizierung, durch Weiterbildung, durch eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die dafür sorgt, dass die Beschäftigten von heute die Arbeit von morgen machen können.“ Damit dieses Land in der Transformation Sicherheit und Chancen habe, brauche es den Weg in die Weiterbildungsrepublik. „Deshalb muss es die Chance geben, betriebliche Weiterbildung zu finanzieren, auch aus öffentlichen Kassen. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass da, wo betriebliche Weiterbildung nicht reicht, berufliche Neuorientierung möglich ist“, so der kommissarische Arbeitsminister. „Darum sage ich ja zu einem Transformationskurzarbeitergeld, dem Konzept der IG Metall. Das ist ein kluges Konzept. Egal wie wir es am Ende nennen, das Instrument muss und wird kommen.“

Transformationserfahrungen aus der Wendezeit dürfen sich nicht wiederholen
Transformationserfahrungen sind für die Menschen in Ostdeutschland nicht neu. „Die Generation meiner Eltern hat diese Erfahrungen mit wahnsinnigen Verwerfungen in den 1990er-Jahren gemacht“, sagte Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen. „Damals ist vieles schief gelaufen. Das darf sich nicht wiederholen. Dafür treten wir ein.“ Außerdem erklärte er, dass seine Partei sich für ein Bundestariftreuegesetz und für die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen stark mache, Betriebsratsarbeit absichern und einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung erwirken wolle.

Fairwandel mit einer guten Perspektive für alle
„Worten müssen Taten folgen“, so Vadim Stroka. Der Vertrauenskörperleiter von Arcelor Mittal in Eisenhüttenstadt forderte die Politikerinnen und Politiker unmissverständlich auf, ihre Versprechungen auch in die Tat umzusetzen.

Die IG Metall kämpft weiter gemeinsam mit den Beschäftigten in den Betrieben für einen fairen Wandel, der niemanden zurücklässt. „Unsere Macht ist die Solidarität. Nutzen wir sie auch weiterhin, damit Deutschland Industrieland bleibt, damit wir und unsere Familien Perspektiven haben. Das ist die Herausforderung der nächsten Jahre“, so Jörg Hofmann zum Abschluss der rund dreistündigen Kundgebung in Berlin.


Bundesweit machten am 29. Oktober mehr als 50.000 Metallerinnen und Metaller, zum Teil unterstützt von anderen Gewerkschaften, Druck auf Politik und Arbeitgeber für einen fairen Wandel. Ihre Botschaft in mehr als 50 Städten und Regionen auf Straßen, Plätzen und vor den Werkstoren war stets die gleiche: Klima- und Energiewende, der Umstieg auf E-Mobilität und die Digitalisierung verlangen Antworten, für die die künftige Bundesregierung die Weichen stellen muss. In den Koalitionsverhandlungen wird jetzt über unsere Zukunft entschieden: „Wir mischen uns ein, auch über den Aktionstag hinaus.“

Mehr Fotos und Informationen:

  • Stimmen aus Berliner Betrieben und weitere Fotos sind auf der Homepage der IG Metall Berlin zu finden.
  • Statements von Stahl-Beschäftigten aus Eisenhüttenstadt und Fotos gibt es außerdem auf der Internetseite der IG Metall Ostbrandenburg.
  • Stimmen und weitere Fotos von Beschäftigten aus dem Einzugsbereich der IG Metall Potsdam-Oranienburg gibt es hier.
  • Informationen und Fotos vom Aktionstag in den anderen IG Metall-Bezirken gibt es hier.
  • Am Vortag des Aktionstages informierten die Vertrauensleute des Leipziger Porsche-Werks ihre Kolleginnen und Kollegen über die Forderungen der IG Metall zum bundesweiten Aktionstag. Ein Video der Aktion gibt es auf der Homepage der IG Metall Leipzig.

 

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